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WIENER KERAMIK
an kann leicht eine Analogie dafür
finden, daß eine Art Keramik
wieder in Aufnahme gekommen
ist, die im Material und bis zu
einem gewissen Grade deshalb
auch gegenständlich derber ist
als das heikle Porzellan. Dieses will zart angefaßt
sein, die aus diesem Stoff gefertigten
Figürchen werden behutsam verwahrt und dienen
nur sich, nicht einem profanen Zweck,
entsprechen also graphischen Kunstblättern,
deren Verwahrungsort die Mappe des Liebhabers
ist, aus der er sie zu selbstgenügender
Betrachtung gelegentlich hervorholt. Anders
die mehr stämmige Majolika, der nun die Wandgraphik
entspricht. Weil das Bedürfnis nach
ihr sich immer mehr regte, wurde das Format
der Radierung übertrieben, ihre Technik arbeitete
mit stärkeren Kontrasten und nahm
endlich die Farbe zu Hilfe. Wesengemäß sind
solche Eigenschaften, die auf Fernwirkung
zielen, der großzügigen Steinzeichnung; die
farbige Lithographie hat vollends dem Verlangen
nach Wandschmuck Genüge getan.
Berthold Löffler hat sich als Graphiker
bekannt gemacht, als Plakatkünstler und Illustrator
, gewandt in der praktischen Lösung
der auf eine populär schlagfertige Nützlichkeit
berechneten Aufgaben und reich an Einfällen
. Nur aus der Lust am fremden bildsamen
Rohstoff hat er sich, frühe, gelegentlich
in der Werkstatt eines Hafners umgetan.
Löffler ist, ebenso wie Michael Powolny,
aus derselben Wiener Kunstgewerbeschule
hervorgegangen, an der sie jetzt beide als
Lehrer tätig sind. In den zwei Abteilungen
für Bildhauerei waren einander sehr verschiedene
Tendenzen gefolgt, denn Otto
König, an der Anstalt seit ihrer Begründung
tätig, vertrat die ältere Tradition einer zierlichen
, beweglichen Kleinplastik, die gern ins
Große gegangen wäre; sein Nachfolger im
Amte, Artur Strasser, setzte impetuoser
im Modellieren ein und bemalte seine Statuetten
I
S
B. LÖFFLER UND EMIL MEIER-WIEN
in naturalistischem Geschmack
. Daneben war
August Kühne tätig,
vornehm bei allem unverbrüchlichen
Realismus
und eben darum
in jenen Zeiten abseits
im Schatten, ein allzu
früh Geschiedener, der
seiner Würdigung noch
harrt. Dergestalt waren
die Vorbedingungen für
das Werden einer Kleinplastik
gegeben, die in
ihrer modern dekorativen
Fassung eben bei
Powolny s tüchtiger Schulung
sich bald und sicher
herausbildete.
Bei der Ausstattung
des Kabarett - Theaters
„Fledermaus" konnten
Powolny und Löffler die
Leistungsfähigkeit ihrer
kleinen Werkstatt erweisen
. Alle Wände des Bar-
Room und der Schanktisch
wurden mit Kacheln
verkleidet, doch nicht
etwa in einem gleichmäßigen
Fliesenschmucke,
sondern in einem sehr
WIENER FESTZUGS-FIGUREN
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