http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_22_1910/0064
o qzt.
WIENER KERAMIK
bunten Quodlibet, denn die Hunderte von
Stücken, von verschiedener Größe, zeigen jedes
ein anderes Muster. Neben Kacheln, die bloß
ornamental verziert sind, finden sich da solche,
auf denen groteske Zerrbilder, Porträtkarikaturen
, Fabeltiere, Blumenkelche in leuchtenden
Farben ein lustiges Sammelsurium bilden.
Um so wirksamer ist dieses gewiß nur an
einem Ort launiger Unterhaltung zulässige
koloristische Geschnatter, als der benachbarte
Theaterraum von Josef Hoffmann ganz einheitlich
ruhig und hell gehalten ist. Wie
sich die Rundplastiken von Powolny und
Löffler bewähren, konnte man voriges Jahr
in der „Kunstschau" sehen. Sie standen nicht
gleichsam mit verlegener Miene, welchen Ausdruck
die Bildhauerarbeiten sonst in Ausstellungen
oft zu tragen scheinen, und wie
Fremdlinge herum, vielmehr setzte ihre Farbigkeit
oder auch die Glasur, die mit rauhem
Wandverputz kontrastierte, mehr behagliche
als scharfe Akzente in die sorgfältig komponierten
Interieurs und in die kleinen Höfe.
Nur wie an ein fernes Ideal darf an die
Arbeiten der Robbia gedacht werden, die
überdies vom Kultbild ausgegangen sind. Ihre
Fülle und oft sinnende Heiterkeit wird angestrebt
, doch mit formalen Mitteln, die etwas
von der heimatlichen Mundart an sich haben.
Von den blümeranten, krankmüden Abtönungen
flüchtet man sich gerne zu den kernig
gesunden Farbenbekenntnissen der Bauernkunst
, ihrer Stickereien und, sei es auf die
Gefahr eines Mißverständnisses hin gesagt,
Lebküchlerwaren. Die Wegsuche nach den
MICHAEL POWOLNY
SCHNECKEN REITER
BERTHOLD LOFFLER UND MICHAEL POWOLNY s □ TINTENFÄSSER
urwüchsigen Farben hat zu den entsprechenden
Formen geführt und neben den ungelenken
auch Gebilde voll natürlicher Grazie gezeitigt
. Beiläufig darf vielleicht bemerkt werden,
als Parallele, daß Klimt, der tausendfältig
überfeinerte, seine Gemälde gerne mit der
üppigen Pracht der Bauerngärten und Wiesen,
mit ihren simpeln Blumen bestreut.
Mancherlei Art der praktischen Verwendung
des keramischen Kleinzeugs hat sich
nach und nach ergeben. Mit einer Dose, auf
der ein Putto das Wappen Wiens und ein Modell
des Stephansdoms trägt, wurde
ein glücklicher Beitrag zu den
„Fremdenartikeln" geliefert, für
die der Landesausschuß eine Konkurrenz
ausgeschrieben hatte. Andere
Gefäße zeigen in ihrem figura-
len Schmuck Beziehungen zu den
Festtagen,denen sie alsGeschenks-
gegenstände zugedacht sind. Blumentöpfe
und Vasen werden von
den Käufern in den zu Pflanzen-
und Schnittblumen passenden Farbenstimmungen
verlangt. Powolny
modellierte in natürlicher Größe
einen seiner putzigen Bengel als
Bekrönung eines Ofens, Löffler hat
probeweise seinen Entwurf für
einen Rübezahl-Brunnen ins Plastische
umgesetzt; dieses erst skizzierte
Werk ist für Reichenberg
bestimmt, wo im nordböhmischen
46
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_22_1910/0064