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hüben und drüben wie Fanfarenstöße
wirken, auf welche hin der
mit ästhetisch-philosophisch-patriotischen
Gründen allzeit wohl
ausgerüstete Deutsche mit dem
Aufmarsch seines Systems antwortet
. Und doch ist „Cissarz" ein
Programm, und zwar eines, das
durchdrang. Wie es auch sei: ob
der Künstler eine jener glücklichen
Naturen ist, die kommen „da
die Zeit erfüllet war", die angebahnte
Entwicklungen vollenden
und mit ihnen verstanden werden,
oder ob er im richtigen Augenblick
mit einigen andern den entscheidenden
Schritt in Neu-Land
gewagt hat, oder ob sein Auftreten
eine Mischung dieser beiden
Erscheinungsformen ist, so
viel ist sicher, daß Cissarz einer
der Erneuerer der deutschen
Buchkunst wurde und als solcher
jene allgemeine Geltung genießt.
Durch seine Ausschmückung
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JOH. VINC. CISSARZ □ NORDDEUTSCHES
STADTBILD (TUSCHKOHLEZEICHNUNG) B
volkstümlicher Bücher und Schriften
wurde er selbst Kreisen zum
vertrauten Hausfreund, die sonst
dem modernen Kunstbetrieb fernestehen
. Die Unternehmungen der
Verleger G. Callwey in München,
E. Diederichs in Jena und J. Scholz
in Mainz waren es, die diese
schöne Verbindung angeknüpft haben
. Diese echt deutsche Verbindung
! Gibt es denn von altersher
einen andern Weg für den deutschen
bildenden Künstler, volkstümlich
zu werden, d. h. in die
Breite zu wirken, als durch die
Graphik? Die großen Romanen
lebten ihrem Volk in ihren Bildern,
den zahllosen Aufträgen der Fürsten
und Kirchen, die Deutschen
in ihren Kupferstich- und Holzschnittfolgen
— von Cranach bis
auf Chodowiecki. Das Jahrhundert
der Technik und Massenverbreitung
befestigte nur das Prinzip und
schenkte uns Richter, Menzel,
Busch. Trotzdem war, gerade im
Gefolge der technischen Fortschritte
, ein Anarchismus auf dem
KIRCHENINNERES (FEDERZEICHNUNG) □
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