Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 22. Band.1910
Seite: 78
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_22_1910/0096
DAS MODERNE KUNSTGEWERBE IN FRANKREICH

des modernen Kunstgewerbes am klarsten
entwickelt hat. Ebensowenig zufällig ist es,
daß in dem Lande, das die Hugenotten vertrieb
, die kunstgewerbliche Bewegung nach
einigen temperamentvollen Anläufen zum
Stehen und schließlich zur Versumpfung kam.

Reinlich geschieden treten sich in dieser
großen Sache wieder einmal die Rassen gegenüber
. In Deutschland ruhte man nicht eher,
bis der reformatorische Kern der Bewegung
herausgeschält war. Frankreich aber blieb
bei dem bischen Bewegung an der Oberfläche
stehen. Der empfindliche Sinn für
das Wirkliche und Wirkende, der den Deutschen
auszeichnet, trieb ihn aus der Sackgasse
des Jugendstiles alsbald wieder hinaus.
Er machte ihn zum Radikalisten, zum Puritaner
, zum Fanatiker der Freiheit; aber er ließ
ihn schließlich ganz in der Tiefe das Gesetz
finden, nach dessen Vorschriften weiter zu arbeiten
war. Die Freiheit in kunstgewerblichen
Dingen hat sich Frankreich auch erobert, nicht
aber die Einsicht in das Gesetz, in das eigentliche
Agens der Bewegung. Deshalb kann man
es füglich nicht Freiheit nennen, was drüben
erstritten wurde, sondern Willkür.

Ein Grundgedanke für alle Revolutionen:
Revolution bezweckt nicht das Abschütteln
jedes Zwanges, sondern die Eroberung eines
neuen Zwanges. Aus einer alten, überlebten
will man in eine neue Unfreiheit hinein.
Revolution ist nur der Uebergang von einer
toten Legitimität zu einer lebendigen.

In Deutschland hat man das Gesetz, die
neue Unfreiheit gefunden. Frankreich aber
befindet sich noch im Zustand der Anarchie.

Der Franzose ist in die dekorative Linie
zärtlich verliebt. Er verlangt vom Kunstgewerbe
in erster Linie Amüsement. Er verlangt
plauderhaftes, ja geschwätziges Ornament
. Ja sogar optisches Geschnatter beleidigt
ihn nicht, sonst wären führende Künstler
wie Majorelle nicht imstande, sich den
frechsten, wüstesten Ausschweifungen der
Linie so auszuliefern, wie sie es tun.

Das macht, es fehlt am Elementaren, es
fehlt an der Einsicht, daß die „taktische
Einheit" nicht die Dekoration, sondern die
Architektur des Möbels ist. Alle kunstgewerbliche
Revolution ist nur ein Bewegen
des Sumpfes, soferne sie nicht die Grundform
der Gegenstände ergreift und den entarteten
Sklaven, die schmückende Linie,
nicht rücksichtslos unter das Joch der Architektur
beugt. In Frankreich herrscht der offene
Sklavenaufstand des Ornamentes gegen die Ar-

J.V.CISSARZs TÜRGRIFF, WEISZME-
TALL A. POLIERT. MAHAGONIHOLZ

chitektur. Der
Herr muß dem
Knechte Untertan
sein. Das
ist wider die
Natur, unddie-
ser mangelnde
Einklang mit
der natürlichen
Ordnung

verschuldet,
daß fast sämtliche
kunstgewerbliche
Formen
,dieFrank-
reich neuerdings
erdacht

hat, eine Folge unerträglicher Dissonanzen
bilden. Es fehlt diesen Formen der Geschmack.
Sie sind den bunten Glasperlen vergleichbar,
mit denen der schlaue Europäer die Sinne des
Wilden blendet.

Der Begriff kunstgewerblicher Gestaltung
ist in Frankreich nicht vorhanden. Gestalten
heißt auf den Rohstoff zurückgehen, auf
Zweck, Material und technische Notwendigkeiten
. Das will man nicht, sondern man
will verzieren, man will tändeln und spielen.
Man hält das Ornament für einen Wert an
sich und ordnet ihm jede andere Rücksicht
unter. Sehr bezeichnend ist es, daß man in
Deutschland eine Zeitlang genau den umgekehrten
Fehler beging. Bei uns hielt man
die Abwesenheit des Ornamentes, die „Einfachheit
", für einen Wert an sich und tat
den Schmucktrieb in Acht und Bann. Das
war ein Fehler, der aber der gesunden Entwicklung
den Weg nicht verlegte.

Frankreich wird nicht leicht den toten Punkt
überwinden, auf dem seine kunstgewerbliche
Bewegung angelangt ist. Ohne Anregung von
Osten her dürfte die Lösung dieser Aufgabe
überhaupt unmöglich sein. Bei uns war das
Primäre die Gewalt der Idee, die zunächst
die Künstler ergriff. Sie wollten Wirkung
sehen und zogen zur Unterstützung die Kunstzeitschriften
und das Kapital heran. Mit diesen
Hilfsmitteln ward die Bearbeitung des
Publikums in Angriff genommen; es ward ihm
das Neue in natura und im Bilde so oft vorgeführt
, bis es sich daran gewöhnte. Die Zeit,
die dazu nötig war, haben die Künstler zur
Ausreifung ihrer Gedanken, zur Erprobung
ihres Könnens genutzt.

Frankreich steht heute noch ganz am Anfange
dieses Weges. Die Idee hat die Künstler-

IC

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