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VASEN, DOSEN UND SCHALE AUS DER FABRIK .AMPHORA" IN OESTGEEST BEI LEYDEN
HOLLÄNDISCHE RAUMKUNST UND KERAMIK
s ist merkwürdig, wie seit einer
Weile schon die schweizerische
Gewerbekunst von der holländischen
beeinflußt wird. Es
liegt das nicht nur an Personen ;
es liegt das auch an der ähnlichen
Weise, wie sich germanische Art an
zwei Kreuzwegen der Völker entwickelt hat.
Klug rechnendes Wesen, die Scheu, große
Gesten zu zeigen, und der Trieb, andere nur
die abgerundetsten, reifsten Seiten seiner
selbst sehen zu lassen, mag wohl auch durch
gleiche religiöse Erziehung gefördert worden
sein. Jedenfalls zeigt die Thuner Keramik,
von der in dieser Zeitschrift vor kurzem die
Rede war, einen unverkennbaren holländischen
Einschlag, und die neuesten Erzeugnisse
zürcherischer Möbelkunst sind stark von den
holländischen Räumen beeinflußt worden, die
diesen Sommer — zum erstenmal außerhalb
Hollands — im Kunstgewerbemuseum von
Zürich ausgestellt waren.
Zehn Räume von drei holländischen Architekten
waren da zu sehen, und in allen kamen
gleiche Grundsätze zum Ausdruck. Keine
Spur eines Anklangs an historische Stile; aber
überall kluges Verwerten der Erfahrungen aus
der Vergangenheit. Ueberall — vielleicht mit
Ausnahme der zu schwer geratenen Füße in
dem hier abgebildeten Speisezimmer van den
Boschs — ungesuchte Eleganz und Feinheit,
nirgends Streben nach Wucht oder Primitivität
. Ein solides Bürgertum mit Pracht ohne
Prunk, mit künstlerischer Reife ohne künstlerische
Launen; keinezuTodegehetzten Motive
und doch ein ZusammenklangohneEintönigkeit.
Wie von selbst ergibt sich die Farbenstimmung
. Sie ist bedingt durch den natürlichen
Ton des Holzes, der nie durch Bemalen
, Beizen oder Lasieren verändert wird.
Meistens kommt Eiche zur Verwendung, in
Prunkräumen Mahagoni; Ebenholz wird nur
dekorativ gebraucht. Andere exotische Hölzer
scheinen ausgeschlossen, obwohl ja Holland
an der Quelle liegt. Das mag daran liegen,
daß alle Möbel massiv gebaut werden. Das
zwingt dann wiederum dazu, das konstruktive
System von Rahmen und Füllung beizubehalten
und zu zeigen, und bedingt als Wechselwirkung
die leichte Eleganz der Form.
Zweiter Hauptfaktor der Farbenstimmung
ist dann der meist ganz wunderbare Knüpfteppich
. Die Mitte ist einfarbig, bald weinrot
, bald hellblau, bald ockergelb; derbreite
Rand besteht aus diskret abgetönten geometrischen
Motiven. Alles andere — Wandbespannung
, Polsterungen, Tischdecken —
wird durch diese Farben beherrscht; Leben
kommt durch die mit besonderer Sorgfalt bearbeiteten
Metallarbeiten in die Räume.
Das Gereifteste, Einwandfreieste hat wohl
W. Pennaat geboten, dessen Entwürfe von
der Firma „de Woning" in Amsterdam ausgeführt
werden. Sein Speisezimmer in gewachster
Eiche ist ein Muster streng logischen
Aufbaues; die Stühle vor allem können an
Eleganz und guter Arbeit kaum überboten
werden. Der Kaminausbau gibt Gelegenheit,
eine kleine Plauderecke anzubringen. Der
Kamin selbst, wie auch der elektrische Leuchter
und die andern Metallarbeiten von Jan
Eisenlöffel, ist ein Meisterwerk harmonischer
Formgebung. Das Büfett erscheint wie bei
allen Holländern etwas klein; sie können sich
nicht so recht von der Tradition der Schiffskabine
lösen.
Interessant ist auch das Arbeitszimmer desselben
Architekten. Grau mit wenig blau
ist die Wandbespannung; offenbar ging das
Bestreben dahin, einen Raum zu schaffen, in
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