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A.BECKERTeGLASVASEN M.GEÄTZTEN FARBIGEN VERZIERUNGEN AUF GETÖNTEM, MATTSCHIMMERNDEM GRUND
AUSFÜHRUNG: JOH. LÖTZ WITWE (MAX FREIHERR VON SPAUN), GLASFABRIK, KLOSTERMÜHLE BEI UNTER-REICHENSTEIN (BÖHMEN)
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Brotkorb oder ein edles Bratenmesser nötig
ist? Einen Strauß wertvoller Blumen darf
jede Dame anstandslos annehmen, einen Strauß
aber, der in einer schönen Vase steckt, lehnt
sie unter Umständen ab und ist womöglich
beleidigt über die Zumutungeines Geschenkes,
das sie nicht in den Kehricht zu befördern
braucht. Ich meine, wenn unsere Sitte diese
Grenzen bestimmter Geschenkmaterien — ein
grausames Wort, ich gebe es zu — dem Ermessen
der Persönlichkeiten freier gäbe, als
sie es tut, so würde weder die gute Gesellschaft
noch die feinere Geselligkeit darüber
aus den Fugen gehen.
Zwar, es wird mit jedem Geschenk, das
über Pralines und Blumensträuße hinausgeht,
der Anspruch erhoben auf dauernde Beachtung
, manchmal gar auf eine Art Lebensstellung
der Gabe innerhalb des empfangenden
Hauses oder Gemaches. Gewiß ein gewichtiger
Anspruch, der zu etwas verpflichtet, von
dem unsere heutige Geschenkpraxis, unvorbereitet
, wie sie im Durchschnitt geübt wird,
noch weit entfernt ist. Deshalb sind all die
unzähligen „Geschenkartikel", die Reiseandenken
und mehr oder minder sinnigen oder
scherzhaften Attrappen vielleicht die beste
Ware für ihren verfehlten Zweck ; man kann
sie ohne Gewissensbisse verschwinden lassen,
wenn man sie so scheußlich findet, wie sie
in der Regel sind. Und findet man sie wunderschön
, so sorgen sie schon durch ihre
eigene Gebrechlichkeit und Unsolidität dafür,
daß der Staubwedel des Zimmermädchens oder
vergnügte Kinderfäuste ihnen über kurz oder
lang den Garaus machen. Kinder sind für
diese nationalökonomisch bedeutsame Auslese
der ganzen Gattung dieser Luxuswaren eine
äußerst nützliche Hilfe.
Wer freilich mit Naumann die Ansicht ver-
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