http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_22_1910/0159
STEINZEUG, GLAS, PORZELLAN
Auf dem Acker der Kunsttöpferei herrscht
heute ein rüstiges Schaffen. Wer will, kann
sogar schon auf Märkten und Weihnachtsmessen
unschwer sehr hübsche Einzelstücke
und Garnituren für den praktischen Hausbedarf
herausfinden. Unser Bestreben sollte
hier möglichst darauf gerichtet sein, die landschaftlich
gefärbte Volkskunst nicht aussterben
zu lassen. Die Bürgeler, die Steirischen, die
Nassauer Steinzeuge bilden die alte Ueber-
lieferung lustig fort und haben sich von einem
formlosen und aufdringlichen Naturalismus
nicht unterkriegen lassen, haben den dekorativen
Flächenstil auch in neueren Formen zu
wahren gewußt. Die Gefahr ist hier eher die,
daß diese dörflichen Manufakturen mit dem
höchst persönlichen Stil einzelner Künstler
wetteifern wollen und dabei nur zu leicht ihre
Sicherheit verlieren. Um den anmutig freien
Rhythmus im reizvollenSchmuck etwa derVasen
Max Läugers zu erreichen, bedarf es schon
eines spezifischen Talentes und einer vielseitigen
Werkerfahrung. Man achte vor allem
auf Form und verschmähe jeden Umriß, der
durch reliefartigen Schmuck überladen und
entstellt ist. >
Eine Sorte von Ziergläsern und Steingutvasen
gibt es, die eine äußerliche Verbindung
mit Metall eingegangen ist. Pflanzenfasern und
Blätter, vernickelt oder versilbert, ranken sich
polypenartig um das Gefäß, sind ihm angeklebt
und eingepreßt. O schaudervoll, höchst
schaudervoll! Metall verbindet man dem Glase
außer zu Funktionszwecken (Deckel, Bodenschutz
) zum Schmucke auf eine ganz andere
Art, in Form von Dämpfen, die den irisierenden
Glanz erzeugen, oder durch Aetzung von
recht diskreten Ornamenten, so neuerdings
mit Gold. Aber auch fürs Glas ist die Form
das erste und wichtigste. Die Industrie will
uns durchaus geschmückte Weingläser und
Karaffen auf den Festtisch stellen, voll von
knifflichen Gravierungen, Rebengewinden und
Akanthusblättern. Auch farbige Embleme
fehlen nicht, Stadtwappen und dergleichen.
Diese Steigerung der Kostbarkeit geschieht
JOH. VIERTHALER
BRONZE
fast durchweg auf Kosten
desGeschmackes.
Versuche einer vorsichtigen
Bemalung im
strengen Stil sind indes
da und lassen auch
hierBesseres erhoffen.
Vom Porzellan gilt
Aehnliches wie vom
Steinzeug. Es hat den
toten Punkt überwunden
und schleppt den
toten Ballast historischer
Stilarbeiten nur
noch aus alter Gewohnheit
und aus Geschäftsgründen
hinter
sich her. In der Kleinplastik
bietet es den
besten Ersatz für die
etwas kostspieligen
Bronzen. In Parenthese
sei hier bemerkt:
es fehlt in Deutschland
leider sehr am
Sinn für das, was spezifische
Kleinplastik
ist und was nicht. Man
liebt die Mediceerin
und den Diskuswerfer
als Nippsache und unterscheidet
den guten
J. GÖTZ
BRONZE
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Dekorative Kunst. XIII. 3. Dezember 1009.
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