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paul wynand-höhr (l. e.)
Aber auch
unter den anderen
, nicht
preisgekrönten
Arbeiten ist
manches recht
Tüchtige und
Gefällige zu finden
, wie die
Steinzeugkrüge
von Emeline
Bardorff,
Gautzsch - Leipzig
, die auch die
Deckel in übereinstimmender
Weise behandelt
, ferner die graublauen Krüge von Reinhold
Gelhard in Höhr, die volkstümlich
derben, jedoch durch ganz unmögliche Zinndeckel
mit Hirschkäfern verdorbenen Krüge
von Oswald Zinke in Dresden, die für
Trinkgefäße etwas absonderlich geformten,
bauchigen Becher von C. M. Schreiner in
Barmen und der nur etwas zu einfache Krug
von Chr. neureuther-Schierbach. Einer der
besten Krüge (von August HÄussER-Stuttgart)
lag leider nur im Gipsmodell vor und war
daher nicht preisberechtigt. —
Dasselbe Bild wiederholte sich bei den Trinkgefäßen
aus Glas, von denen ebenfalls die
besten nichts spezifisch Studentisches aufweisen
. Die beiden, mit Schliffverzierungen
dekorierten Becher von Professor Fritz Oppitz
in Haida (Böhmen), von denen einer einen
zweiten Preis von 300 M. erhielt, und die
eleganten Vierpaßgläser ven Professor Adelbert
NiEMEYER-München, deren eines lobend
ausgezeichnet wurde, werden sich leider wahrscheinlich
gerade in jenen Kreisen, für die
das Preisausschreiben zunächst bestimmt sein
sollte, kaum einbürgern lassen, was schon
z. B. durch den außerordentlich hohen Herstellungspreis
des Oppitz-Bechers erklärlich
ist. Jene Gläser, welche dagegen auf studentische
Embleme, Wappen oder Farben Rücksicht
nahmen, weisen leider nicht jenen Grad
von künstlerischer Individualität auf, der einen
Preis hätte gerechtfertigt erscheinen lassen;
oder aber das Künstlerische lag nur in der
Metallmontierung des Deckels, was ja nicht
als Hauptaufgabe gestellt worden war. Die
besten Objekte dieser Gruppe lieferten Wilh.
ScHRAMM-Tübingen und Brüder Thannhau-
ser-München. Jedenfalls ist in jenen Geschäften
, die für die Studentenkunst zu sorgen
pflegen, seit der vorjährigen Ausstellung
eine gewisse, wenn auch noch nicht sehr
paul wynand (l. e.) □ albin müller-darmstadt (l. e.)
erhebliche Besserung und Verfeinerung zu
spüren.
Also auch am Schlüsse dieses Wettbewerbes
stehen wir leider noch nicht dort, wohin wir
kommen wollen und kommen müssen. Die
Verbindung zwischen den akademischen Kreisen
, die für kunstgewerbliche Erzeugnisse aller
Art, wenn auch meist nicht von großer künstlerischer
Qualität, alljährlich Unsummen opfern
und den Künstlern, die für das spezifisch Studentische
noch immer nicht viel übrig haben,
muß viel enger werden. Wenn unsere Kunst-
gewerbler erst einsehen werden, daß der große
studentische Markt einfach nicht erobert werden
kann, wenn man nicht auf das Rücksicht
nimmt, was der Student von seiner Umgebung
in Wohnung und Kneipe traditionell fordern
zu müssen glaubt, und wenn sie sowohl wie
auch die ausführenden Firmen diesen Sonderwünschen
Rechnung tragen, dann erst wird
man diese Kreise gewinnen und damit nicht
nur beträchtliche Summen der guten Werkkunst
zuführen, sondern mit den Studenten
auch die künftige Generation der Gebildeten
für ästhetische Qualitätswerte gewonnen haben
. Man unterschätze dies in Künstlerkreisen
nicht und mache sich die Mühe, sich in den
Vorstellungskreis dieser sehr wichtigen Besteller
und künftigen Kunstdezernenten unserer
Ministerien ein wenig zu vertiefen; dies
wird sich hundertfach lohnen. Anderseits möge
von den vielen Studentenutensilien-Fabriken
wenigstens eine sich auf modernen Boden
stellen und Hand in Hand mit bedeutenden
Künstlern wirklich nur gute Studentenkunst
auf den Markt bringen, damit man weiß, wen
man mit gutem Gewissen empfehlen kann,
wenn sich die, nach Gediegenem dürstenden
Studenten — wie dies zum Glück schon häufig
der Fall ist — nach Bezugsquellen erkundigen.
G. E. Pazaurek
2Z
IS
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