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F. SCHUMACHER tu INSZENIERUNG DES „HAMLET" IN DRESDEN: I. AKT, 5. SZ. ABGELEGENER TEIL DER TERRASSE
Malers zum Entzücken aller Zuschauer in reiner,
lebenatmender Schönheit hervor. Die Klas-
sikervorstellung, einst ein Stiefkind des Spielplans
und höchstens eine billige Gymnasiastenfreude
, war unter den Händen des Regisseurs
vom Deutschen Theater und seines
Künstlers ein Ereignis von wirklichem Kulturinteresse
und eine Quelle edelster Geistesnahrung
geworden: die goldne Frucht in silberner
Schale.
In die dankbare Bewunderung, die man
solchen Errungenschaften zollte, mischten sich
indessen immer entschiedener und wirksamer
Stimmen des Zweifels. Schon in Gordon
Craigs Versuchen und Theorien drängte das
Bildliche und Räumliche den poetischen Inhalt,
den eigentlichen Kern der dramatischen Vorführung
unverkennbar zurück. Die Entwicklung
mußte, wenn sie in den von ihm gezeichneten
Bahnen verlief, bei der Idealpantomime
enden. Der Maler triumphierte über
den Dichter, der Regisseur über den Maler.
Gerade das aber ist mit der spezifisch deutschen
Auffassung vom Wesen des Theaters
unvereinbar. Eine Bühnenkunst, die sich nur
an das Auge wendet, kann bei uns niemals
auf breitere Wirkung hoffen. Für die Erziehung
zum Sehen, die wir wahrlich nötig
genug haben, hatte in ihrer Art die exakte
Geschichtsmalerei der Meininger redlich gesorgt
. Aber das Künstlerische war hier, dem
erfahrungstheoretischen Zug der Zeit folgend,
so stark mit verstandesmäßigen Momenten
durchsetzt, daß die Nachahmer diesen in der
Regel zum Opfer fielen, und die mächtige
Stimmung, die der Herzog und seine Regisseure
dem geschichtlich getreuen Raumbild
aufprägten, nur in den seltensten Fällen wieder
begegnete. In dem Naturalismus der Sturmund
Drangperide der achtziger Jahre wieder
war so vieles unausgegoren und aufdringlich
tendenziös, daß eine Weiterbildung auf dieser
Linie der dramatischen Dichtung des klassischen
Zeitalters kaum entsprechen konnte.
In Fritz Schumacher, dessen Neuinszenierung
des „Hamlet" am Königlichen Schauspielhaus
in Dresden von allen derartigen Versuchen
des Jahres wohl die glänzendste Auf-
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Dekorative Kunst. XIII. 4. Januar 1910.
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