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der Hofdamen ihren Platz. Die hellen Farben
ihrer langfließenden Prunkgewänder sammeln
das unruhige Licht. Zur Linken, unter dem
schlichten, nur mit einem goldnen Lorbeerkranz
geschmückten Baldachin, sitzen König
und Königin auf steifen, hochlehnigen Thronen.
Der Mittelgrund aber ist frei, und hier treibt,
ein düsterer, zuckender Schatten in dieser
gedämpften Pracht, Hamlets schwarze Gestalt
ihr dämonisches Spiel. Die vielerlei seltsamen
Schönheiten von Fritz Erlers Hamletausstattung
in Reinhardts Münchner Künstlertheater
sind mir nicht verborgen. In dieser
Szene aber reiche ich der von großartigem
Ernst getragenen architektonischen Gestaltung
Schumachers ohne Zaudern den Preis.
Eine Seele im unendlichen kalten Weltenraum
, so denkt sich Gordon Craig den Hamlet
. Indem die Generaldirektion der Dresdner
Hoftheater gerade den „Hamlet", das größte
Drama der Deutschen neben dem „Faust", in
die Hände eines Künstlers wie Fritz Schumacher
legte, zeigte sie ebensoviel frischen
Wagemut wie feines Verständnis für die Eigenart
dieses besonderen, vielseitigen und großgearteten
Talentes. Nicht als ob Schumacher
eine Hamletnatur wäre. Daß er aber, den wir
als klarsehenden Monumentalarchitekten, als
vornehmen Raumgestalter kennen, ein Stück
von einem Dichter in sich hat, das haben wir
jetzt empfunden. Denn nur einem Dichter
konnte es gelingen, seine Schöpfung einer
Dichtung mit so vornehmer Bescheidenheit
unterzuordnen, wie es diese Bühnenbilder im
„Hamlet" tun. In der Beschränkung auf das
Reich des Räumlichen und Plastischen, im
willigen Dienste des gesprochenen Wortes,
der Gebärde und des weltweiten Gedankens
hat sich erst der Meister gezeigt.
Erich Haenel
VOM HAUSRAT DER MIETWOHNUNG
enn auch das Eigenhaus die vollkommenste
Wohnungsform ist,
da seine Anlage gestattet, den
besonderen Wünschen und Lebensverhältnissen
seiner Bewohner
weitgehend Rechnung
zu tragen, so hat doch auch die Mietwohnung,
auf die bei unseren heutigen sozialen Verhältnissen
neun Zehntel der Großstadt-Bevölkerung
angewiesen sind, ihm gegenüber
Vorteile, die man nicht gering bewerten darf.
Vor allem ist es die größere Sorglosigkeit
des Wohnens und — durch den Fortfall des
Treppensteigens — die bequemere Instandhaltung
der Etagenwohnung. Muß man sich
also mit der Notwendigkeit der Mietwohnung
und ihren mancherlei Nachteilen abrinden,
so muß die Mietwohnung doch nicht so schlecht
und unzweckmäßig sein, wie es heute fast
immer der Fall ist, und man darf von der
Reform, die hier im letzten Jahrzehnt langsam
eingesetzt hat, eine allmähliche Besserung
sowohl in der praktischen Anlage, wie in der
geschmackvollen Ausstattung der Wohnräume
erhoffen. *)
Aber auch unter den heutigen Verhältnissen
läßt sich für die behagliche Ausstattung
einer Mietwohnung viel tun, wenn man
bei ihrer Wahl nur auf eine günstige Lage
*) Vgl. Gessner, Das deutsche Miethaus. Ein Beitrag
zur Städtekultur der Gegenwart. Mit 220 Abbildungen
, Grundrissen und Bebauungsplänen. Verlag
F. Bruckmann A.-G., München. 8 M.
der eigentlichen Wohnräume zur Himmelsrichtung
achtet, darauf sieht, daß der Vorplatz
hell und freundlich ist, daß ein genügend
großer und luftiger Raum (möglichst mit Morgensonne
und direktem Zugang zum Bad)
sich zum Schlafzimmer eignet, wenn man
zum Speisezimmer, das am ehesten Nordlage
haben darf, einen mindestens vier Meter
breiten Raum in der Nähe der Küche, für
die ein nicht zu kleiner Balkon stets erwünscht
ist, wählt, die notwendigen Nebenräume
nicht außer acht läßt und sich im
Mietvertrag vorbehält, die Räume im einzelnen
nach eigenem Geschmack ausstatten zu
dürfen, worauf heute schon viele einsichtsvolle
Hausherren eingehen. Das wichtigste Moment
für die Einrichtung einer Wohnung sind jedoch
die Möbel, und von ihrer praktischen,
den Verhältnissen der Mietwohnung entsprechenden
Gestaltung soll hier die Rede sein.
Für die meisten Neueinrichtungen in den
Kreisen, in denen unsere heutigen Bestrebungen
einer neuzeitlichen Wohnungskunst
bisher Eingang gefunden haben, kommt die
Drei- oder Vierzimmerwohnung mit den entsprechenden
Nebenräumen in Frage, und daraus
ergibt sich von selbst die Einteilung:
Wohn-, Speise- und Schlafzimmer, oder statt
des ersteren ein Herren- und ein Damenzimmer
, die zugleich als gemeinschaftliche
Wohn- und Empfangsräume dienen. Der Unfug
des „Salons", dem nur zum Zwecke eitler
Repräsentation in kleinen Wohnungen oft der
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