Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 22. Band.1910
Seite: 201
(PDF, 172 MB)
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JOSEPH WACKERLE - MÜNCHEN Q IN HOLZ GESCHNITZTE FÜLLUNG AUS DEM EMPFANGSZIMMER (vgl. Seite 219)

PAUL LUDWIG TROOST'S
HAUS CHILLINGWORTH IN NÜRNBERG

ie kunstbegeisterten Männer, die
uns in den siebziger Jahren aus
der gräßlichen kunstgewerblichen
Verflachung und Nüchternheit
herauszuführen suchten
, indem sie uns auf die wundervollen
Vorbilder der deutschen Renaissance
hinwiesen, haben damit ungewollt gar nicht
abzusehendes Unheil angerichtet. Nicht jeder
von ihren vielen Mitläufern und Nachfolgern
war ein Lorenz Gedon, der mit beinahe
spielerischer Leichtigkeit die übernommenen
Stilformen mit neuem Inhalt seines eigenen
schöpferischen Genies füllte: die meisten anderen
ahmten entweder die Renaissance
schlechtweg nach, ohne auf die andersgearteten
Zweckforderungen unserer Zeit zu achten,
oder sie fabrizierten, zumal in der Möbelbranche
, ein solches Tohuwabohu von Stilwidrigkeiten
, daß sich jeder nur einigermaßen
ästhetisch Empfindende entsetzt abwenden
mußte. Gleichzeitig war auch, zumal in Süddeutschland
durch des baulustigen Ludwig II.
von Bayern Beispiel angeregt, das Rokoko
wieder in Flor gekommen, und in den Wohnungen
der Vornehmen begegnete man nun
bald einer Möbelkunst, die eine „entzückende"
Kreuzung von Renaissance und Rokoko darstellte
, einem wahrhaft unqualifizierbaren

Wechselbalg. Es ist begreiflich, daß da Reformbestrebungen
lebendig wurden, daß, in Anlehnung
an den englischen Stil, ein neuer
kunstgewerblicher Stilbildungsversuch in die
Erscheinung trat, der ganz auf die konstruktive
Basis gestellt war, und der sich des Ornaments
, alles Schmuckes, der an die Ueber-
ladenheit der alten Stile gemahnen konnte,
mit prinzipieller Strenge enthielt. Van de
Velde, Obrist, Paul, Riemerschmid erscheinen
uns als die Träger dieser Bewegung.
Das Rein-Konstruktive ihrer Frühwerke deutete
auf einen neuen Stil, für den man ein wenig
voreilig die Verlegenheitsmarke „neudeutsch"
prägte. Daß aber dieser Stil oder Stilversuch
keine dauernde Geltung gewinnen werde, war
den Einsichtigen und Bedächtigen von vorneherein
klar. Dem stand besonders die frische
Jugend und Entwicklungsfreudigkeit seiner
Hauptträger im Wege, dazu das gerade bei
kunstgewerblichen Produkten begreifliche
Komfortbedürfnis der Konsumenten, das bei
diesem konstruktiven Puritanismus nicht auf
seine Rechnung kam, und endlich der stark
zutage tretende Mangel einer frohen Farbigkeit
, deren bei dem Versuch dieser Stilbildung
nicht im mindesten gedacht worden war.
Man darf über solchen notwendigen Einwänden
den Wert dieser Stilbewegung, die ja nun

Dekorative Kunst. XIII. 5. Februar 1910.

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