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strade, die einen Durchblick gewährt über
den Garten zu dem erkerartigen Vorbau, von
dem breite Steintreppen ins Freie niederführen
: die bei alten Jagdschlössern und Bauten
ähnlichen Stils so beliebte Einbeziehung des
Gartens in die Festräume des Hauses ist dadurch
herbeigeführt. Der Eingang ist an die
Seite der Liebigstraße gelegt und architektonisch
etwas prononcierter behandelt, aber
auch hier ist kein sensationell neues Moment.
Die Pforte ist nicht abweisend, aber vornehm
streng: nur lieben Gästen tut sie sich auf.
Wer sie überschreitet, der betritt zuerst
die Diele, die architektonisch schlicht, aber
komfortabel gestaltet ist, wie es in ihrer
Zweckbestimmung liegt. Zur Rechten ist eine
elegante, in Weiß gehaltene Garderobe —
geradeaus leitet uns die längliche Diele in
die kühle Halle, die köstlich ist wegen der
Durchblicke, die sie in die Wohnräume des
Erdgeschosses gewährt. Die festlichen Sälchen
gruppieren sich um die Halle und sind
durch Glastüren mit ihr verbunden; nimmt
man bei abendlicher Beleuchtung die Glastüren
weg, so flutet aus den Räumen eine
berauschende Lichtfülle in die hellgrau gehaltene
Halle, auf deren in Siena- und Bar-
digliomarmor gemustertem Boden sich eine
mächtige Terrakottavase, in der üppiges Grün
wuchert, erhebt.
Das Herrnzimmer, mit dem der Rundgang
durch das Erdgeschoß beginnt, atmet nicht
den Geist strenger, intensiver Alltagsarbeit;
y wohlhäbige Bedachtsamkeit und genußfreu-
X diges Behagen ist sein Signum: hier mag der
X Herr des Hauses mit seinen Geschäftsfreun-
X den wohl manche ernste Erwägung anstellen,
X manche weittragende Frage prüfen: aber das
Q Manuelle, das sozusagen Handwerkliche der
fl Arbeit scheint von diesem üppig-schweren
ö Raum, der auf Braun-Violett gestimmt ist,
y fernzubleiben. Die Möbel des Herrnzimmers
y sind in amerikanischem Nußbaumholz gear-
X beitet. Ihre Ausmaße sind großzügig, monu-
X mental, aber nirgends tritt die so leicht verstimmende
massive Wuchtigkeit zutage, denn
das Material ist durch die zahlreichen Schnitzereien
, in denen es in die Erscheinung tritt,
sozusagen aufgelockert, leicht, graziös, spielerisch
geworden. Spielerisch — nicht im
schlimmen Sinn, sondern nur im komparativen
Verstände: wenn man diese Möbel neben
die schweren, ernsten, rein konstruktiven
Möbel der Riemerschmid-Periode stellt. Wie
bei den Möbeln der zahlreichen übrigen
Räume greift Troost hier zwar auf alte Vorbilder
zurück und läßt sich von ihnen anregen
, aber er arbeitet weder hier noch anderwärts
ausschließlich auf der Basis historischer
Stile. Man mag sich vielleicht da und dort
an die Formensprache früherer Kulturperioden
erinnert fühlen, aber diese historischen Reminiszenzen
sind doch nur dünne Elemente,
die unter des Künstlers gestaltefroher Hand
zu ganz neuen Erscheinungen wurden. Vor
allem hat Troost nicht, was sonst beispielsweise
im alten und im imitierten Rokoko so
gerne geschieht, das konstruktive Moment
preisgegeben: er opferte nur den puritanischen
Konstruktivismus, und das war unter
den heutigen Verhältnissen sicherlich wohlgetan
. . .
Das Musikzimmer ist stilistisch wohl am
meisten „historisch" geraten; nicht in dem
starken farbigen Akkord: Blau, Gelb, Gold —
der ist echt Troostisch wie alle seine raffinierten
Farbenkompositionen, aber in gewissen
linearen Momenten und in der Raumkomposition
, also konkret gesprochen: in der Form
der Möbel und der Beleuchtungskörper, in
der Anordnung einer Statue vor einem matten
Spiegel und so fort. Empire ist auch in der
Raumstimmung: feierliche Pracht. In lebhaftem
Gegensatz dazu steht das Teezimmer,
das nur durch Pilaster vom Musiksalon getrennt
ist. Hier ist Wärme, Behagen, Intimität
, Farbe. Es ist ein gewagtes Stück,
wenn ein moderner Innenarchitekt als bestimmende
Note der farbigen Wirkung einen
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