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gedacht: Möbeldetails mögen aus den Illustrationen
ersehen werden. Es sei nur noch
das Moment der Materialzusammenstimmung
erwähnt: alle Fußböden, Türen und sonstigen
Holzarbeiten der einzelnen Räume sind im
gleichen Holz ausgeführt wie die Möbel, und
wie wundervoll das wirkt, sieht man besonders
da, wo Troost auf Teppiche als Bodenbelag
verzichtet.
Im Obergeschoß des Hauses wurden Frühstückszimmer
, Schlafzimmer, Toilettezimmer
und Zimmer der Dame mit besonderer künstlerischer
Betonungbehandelt. Die Kinderzimmer,
Schrankzimmer, Badezimmer und sonstigen
Nebenräume, ebenso die im Souterrain gelegene
Küche, die Anrichte im Erdgeschoß und
die Fremdenzimmer und Dienstbotenstuben
wurden ohne künstlerische Ambitionen, praktisch
, komfortabel, mit Nachdruck auf den
günstigsten Raumausmaßen angeordnet.
Das Frühstückszimmer ist erfüllt von allen
guten Geistern deutscher Heimeligkeit und
Traulichkeit. Es ist mit Absicht etwas niedriger
gehalten als die übrigen Räume: das
gibt intime Stimmung. Ein offener gemauerter
Kamin mit einem Relief von Römer, ein heiteres
Bild von Sieck (eine Gesellschaft, die in
schönverschnittenem Heckengarten tafelt),
die gemütliche Form der Möbel in deutschem
Nußbaumholz, die bunten Gobelinbezüge •—
das alles gibt einen behaglichen Akkord von
Wärme und bürgerlichem Glück. Wie anders
wirkt daneben das Zimmer der Dame, zu dem
man auf einigen Stufen hinabsteigt. Hier
herrscht in allem ein mehr kapriziöser Geist,
etwas Marquisenhaftes liegt über dem Raum.
Die Möbel sind in Kirschbaum mit weißblauen
Wedgewood-Füllungen, die beherrschenden
Farben sind Saftgrün und Braun. Blumen,
Spiegel, Kissen, in feinprofiliertem Schränkten
eine erlesene Bibliothek, viele Bilder
und Stiche an den Wänden, ein reichbesetzter,
famos in die Ecke eingebauter Schreibtisch
— das spricht für den Charakter der Dame,
und mir scheint, daß ihm so, wie er es tat,
der Architekt aufs beste Rechnung getragen
hat.
Schlafzimmer und Toilettezimmer sind in
gewissem Sinne am luxuriösesten geraten.
Troost hält es nicht mit denen, die Schlafzimmer
kühl, sachlich, beängstigend hygienisch
gestalten. Ich mußte angesichts dieses
vornehmen Raumes daran denken, daß die
großen Herren des Zeitalters Ludwigs XIV.
und Ludwigs XV. in ihren Schlafzimmern
beim Lever Audienzen gaben, und daß diese
Räume dementsprechend repräsentativ gehalten
waren. Das Schlafzimmer im Hause
Chillingworth hat blaue Wände, die Möbel
sind in warmbraunem Mahagoni: ein merkwürdiger
Kontrast, aber auch hier gelingt das gewagte
Farbenkunststück. Das Toilettezimmer
ist der Dame reserviert. Es enthält all die
reizvollen Möbelchen, deren eine Dame zu
ihrer Toilette bedarf. Ein großer dreiteiliger
Spiegel mit einer bekrönenden Schnitzerei von
Wackerle bildet das Hauptstück des Gemachs.
(Abb. Seite 221.) Auch hier sind die Möbel
aus Mahagoniholz; sie stehen vor einer violetten
Wand.
Der Rundgang durch das Haus ist damit
zu Ende. Er beschränkte sich auf die Aufzählung
des Wichtigsten. Vieler Einzelheiten
wurde nicht gedacht. Es sei wenigstens angedeutet
, daß die Teppiche, von Troost entworfen
, sich in der Farbstimmung und in der
Ornamentierung dem Charakter der Räume,
für die sie bestimmt sind, ausgezeichnet anpassen
, daß die Beleuchtungskörper, die mit
besonderer Liebe behandelten Heizkörperverkleidungen
und der meist altmeisterliche bildliche
Schmuck der Wände wie selbstverständlich
sich in das Raumensemble schicken. Es
fehlen auch nirgends die reizvollen undefinierbaren
Kleinigkeiten, die das Behagliche,
das Wohnliche ausmachen. Ein Hauch der
Wärme, der Liebe und Andacht ist überall.
Das ist das Bestechende an diesem „Gesamtkunstwerk
", das läßt auch vorgefaßte Zweifel
rasch zerflattern, das Problematische, das einem
solchen Stilbildungsversuch immer anhaftet,
vergessen. Man muß dessen eingedenk bleiben,
was ich zum Eingang sagte: Troosts „Haus
Chillingworth" ist ein Einzelkunstwerk, eine
isolierte Erscheinung. Als solche ist sie ausgezeichnet
, durchaus gelungen. Ob sie genug
der stilbildenden Kraft besitzt, ob von diesem
sicherlich hochbedeutsamen Werk befruchtende
Ströme ausgehen werden ins Neuland des
deutschen Kunstgewerbes — das steht für
mich außer Frage, im Effekt freilich muß es
uns die Zukunft lehren.
Georg Jacob Wolf
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