http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_22_1910/0298
EINE AUSSTELLUNG ÖSTERREICHISCHER KUNSTGEWERBE
^SW"^!SR s hat sich ein neues Tor aufgetan, um die Schaustücke in das öster- ^
reichische Museum für Kunst und Industrie einzulassen, das nach
eingebürgerter Ordnung zur Weihnachtszeit den Wienern darbietet, was
an kunstgewerblichen Erzeugnissen im letzten Jahrgang von Künstlern
und Handwerkern und Industriellen geschaffen worden ist. Diese lange
Reihe von Winterausstellungen hatte in ihrer regelmäßigen Folge eine
seit 1906 währende Unterbrechung erfahren, als deren vornehmlichster Grund der Raummangel
angegeben wird. Man kam nämlich immer mit den Sammlungen des Museums,
die von den gelegentlichen Veranstaltungen an die Wand gedrückt wurden, in hemmendes
Gedränge. Dem ist nun durch einen Erweiterungsbau abgeholfen; freilich wünschte
man ihm, das darf nicht verschwiegen werden, ein unserem modernen Stilempfinden
besser entsprechendes Antlitz, und auch das Innere, was schlimmer ist als die unselbst-
ständige Architektur, setzt der Organisation zu Ausstellungszwecken in manchen Teilen
Hindernisse entgegen. Umsomehr ist anzuerkennen, daß binnen weniger Monate ein
reiches und übersichtliches Gesamtbild kunstgewerblicher Erzeugnisse Wiens und einiger
provinzieller Pflegestätten zustande gebracht wurde.
Noch vor einem Jahre wäre eine solche Ausstellung nicht möglich gewesen, denn ^
an ihr haben sich für die heimische moderne Bewegung maßgebende Künstlergruppen
beteiligt, die ihren Vorgängerinnen ferne geblieben waren. Lässigkeit und Zwiespalt
mußten überwunden werden, als um die Mitte des vorigen Jahres Eduard Leisching
mit der Leitung des österreichischen Museums betraut wurde, und an ihm war es, gleich
auch das Gehäuse des Erweiterungsbaus, so wie er es vorfand, nutzbar zu machen. Der
Direktor brauchte vorerst weniger zu dirigieren, denn zu werben; die willigen Kräfte,
das ergab sich dann bald, standen ihm in allen Bereichen zu Gebote, nur handelte
sich mitunter darum, sie anzuleiten und ihnen die richtigen Bahnen zu weisen.
umrahmung und initial nach zeichnungen von otto prutscher - wien
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