http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_22_1910/0323
adele stark-wien □ □ neusilberne honigdose mit email ä jour, innen glasschale, und kästchen
aus bronze mit cloisonne-einlagen (weisz, elfenbeingelb und schwarz)
wohl einen der gelungensten Triumphe der
Monochromie erlebt.
Heute ist diese Epoche, das kann man wohl
sagen, abgeschlossen. Die Innenräume beleben
sich wieder mit kräftigeren Farben, und die
Mode des letzten Jahres, besonders die Hutmode
, hat ganz erstaunliche, verblüffende
Wagnisse auf koloristischem Gebiete gebracht.
Scheuel und Greuel! Die rote Rose ward in
grellgrünes Laub gesteckt, vier, fünf starke, ungebrochene
Farben auf einem Hute waren keine
Seltenheit. Gegenwärtig besteht unzweifelhaft
eine Tendenz zu stärkerem farbigem Leben.
Die Furcht vor der Farbe ist überwunden,
man beginnt sich von der Sentimentalität der
allzu schwelgerischen „Tonigkeit" zu befreien.
Und das ist gut so. An das Problem der
starken Farben wird man jetzt doch nicht mehr
mit der Roheit des Jugendstiles herantreten,
nachdem man immerhin eine gute Abstinenzschule
hinter sich hat. Als Vorboten einer
farbenfroheren Zeit tauchen in den Salons
nicht nur die bereits erwähnten Damenhüte,
sondern auch die schönen alten Feldblumensträuße
auf. Das eigentliche Kunstgewerbe
folgt diesen Vorboten langsam aber sicher
nach. Vielleicht steht diese erwachende Farbenfreude
in Zusammenhang mit der erwachenden
Freude am Ornament, am Zierrat.
Mit der Herrschaft des Weiß und der tonigen
Bindung fiel die Herrschaft des reinen dispositionellen
Wohllauts, der schmucklosen architektonischen
Schönheit zusammen. Jetzt regt
sich der Schmucktrieb, der infolge der ornamentalen
Ausschweifungen des Jugendstiles lange
Zeit zurückgedrängt war, zu neuem Leben, und
mit ihm kommen die Farben. Wer möchte sie
nicht willkommen heißen? Wilhelm Michel
286
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_22_1910/0323