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ÜBER ZEICHNUNG ALS AUSDRUCK DER ZEIT
(ZU DEN ARBEITEN VON EMIL PREETORIUS)
leitdem wir Amerikaner den Protestantismuserfunden
haben, ist
es sehr angenehm, unter uns zu
existieren, dafern nur einer sich
entwöhnt hat, im Leben ein Geheimnis
zu spüren. Unerforschte
Gebiete gibt es ja noch genug, aber wir eilen
mit den erprobtesten Mitteln von Ergebnis zu Ergebnis
und sindbereits über Od undx und Genie
und Irrsinn in ein Jenseits gelangt wie es, Hand
aufs Experiment! wirklich ist. Das Dasein
wird immer keimfreier, die Statistik immer
souveräner und der Geist immer mehr dekorative
Nebengröße — ja sogar zum Auffinden
der Probleme bereits entbehrlich. Ganz frei
ist er geworden, sein eigen Maß und ganz auf
sich, will sagen aufs Nichts gestellt. Und mit
der Seele ist es ein besonderes Ding. Seit
das Ich sich groß zu tun begann, war die
ohnedies verwitwet, und heute hat sie nur
noch den sehr verdächtigen Wert einer volkstümlichen
Abstraktion.
Aber auch ihre Kräfte
wirken noch und sind
technisch noch nicht wegzuarbeiten
gewesen. Aus
ihrem dunklen Grunde
blicken Augen, fächeln
Wipfel und Wedel, strömen
Kaskaden. Und das
will träumen, will überschatten
, will befeuchten.
Die Triebe der Seele und
der Geist sind noch im
Leben und wollen da
warm werden. Der Künstler
ist noch nicht ausgestorben
unter uns.
Wie wird der Künstler
sich mit dieser heutigen
Welt abfinden, einer
Welt organisiert und unorganisch
, geordnet und
ohne Kosmos, sportlich
und ohne Agon, effektiv
und ohne Wahrheit, der
Welt
„Von Mauern, Schloten,
Stangen, Schienen,
Technik und Staat und
Geldverdienen"?
PORTRAT AUS: TILLIER „MEIN ONKEL BENJAMIN"
(HYPERION-VERLAG,' HANS VON WEBER, MÜNCHEN)
Ich rede von dem Künstler, dessen Leben
in dieser Zeit wurzelt, der aus dieser Welt
zu sich selber will. Es gibt noch andere und
anderes, und es mehren sich die Zeichen
sogar! Hellas ist nicht tot, und selbst die
esoterischsten Konventikel haben Asien nicht
hoffnungslos krank beten können. Aber davon
ist hier zu schweigen. Ich rede von dem
„modernen" Künstler, dem Kind der Errungenschaften
, dem Erben der Exaktheit, dem Lehrling
der Technik. Wo wird den der „schoone
schijn" empfangen lassen? Wie wird der aus
dem Abgrund, dem Zwiespalt zwischen Seele
und Sein zeugen können? Ihm bleibt heute
nur diese Wahl: der schöne Schein selber
wird ihm das All, Welt, Leben, Seele und
Wirkung und Gesetz — oder der Zwiespalt,
die Sonderung, die Vereinzelung, die empirisch
letzte Einzelform wird ihm Maß und
Inhalt. Die Kunst dieser Zeit muß ganz Eindruck
sein, Empfängnis sein, ganz Weib sein
oder aber ganz Mann,
ganz Ausdruck, Scheidung
, Willkür. Einmal
weiß sie nur noch von den
letzten stoftlosesten Stofflichkeiten
, dem raumgebärenden
Licht, grenzenlos
und über weil vor
aller Greifbarkeit, und
alles Geschaffne, Berechnete
und Zweckhafte —
freilich auch Baum und
Berg und alles was noch
west — ist da nur Kampfplatz
oder Arena: so
sehen wir in dieses Zeitalter
äußersten Entferntseins
von allem naturhaften
Ablauf die Natur
eintreten und ihre Kräfte
zeigen, so einfach, so ursprünglich
, wie da sich
die Planeten aus ihrem
Meer von Helle herauswölben
wollten und noch
nichts war als das reifende
Licht. So wurde
der malerische Impressionismus
die letztmögliche
künstlerische
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Dekorative Kunst. XIII. 7. April 1910.
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