Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 22. Band.1910
Seite: 302
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I

EMIL PREETORI US-MÜNCH EN GEZEICHNETE SILHOUETTE

AUS : CHAMISSO, „PETER SCHLEMIHL" (HYPERION-VERLAG, HANS VON WEBER, MÜNCHEN)

Gebilde, ausgelöst, übertragen, irgend einem
Erleben an den Rand notiert, ist um seiner
selbst willen da, verliert durch sein Entstehen,
durch sein Dasein die Verbindung mit dem
Vorgang, der es hervorrief, der Erregung,
die es so zucken läßt — mit denen es artgemäß
doch viel reiz-enger, biologischer zusammenhängt
, wie etwa Erlebnis und Gedicht,
als welche irgendwo im Unendlichen Eines
sein mögen, in der Erscheinung aber nichts
Gemeinsames mehr haben.

Nur insoweit sie Bewegung wird, kann der
Zeichner der Form habhaft werden, alles
Gefühl, alles Wissen und Werben um Raum
und Um und An muß in dem gebändigten
Übermaß seiner Linien leben; was er von
Inhalten in seine Schöpfungen hineinbringen
möchte, ist ausnahmslos tote Fracht.
Und so zerlegt sich für Preetorius die Welt:
In nicht näher umschriebenen, weit gedehnten
Neutraldimensionen findet sich, bemerkt sich
erratisch-monadisch das Ich oder nur ein
sonderlich lebendig gewordener Teilbestand
des Ich und bildet mit anderen durch dies
Leer zuckenden oder schlaffenden Wesenheiten
ein ästhetisch verschränktes Netz von
Bezügen, die dem Vorgang an sich
nicht immanent sind, sondern allein durch
den Geschmack des Künstlers in jedem Fall

gefunden werden. So wird er, wenn man
das Wort hier nur nicht moralistisch nehmen
will, zum Satiriker, so wenn man darunter
nicht bloß den Mann versteht, der große
Köpfe auf winzige Rümpfe stülpt, zum Karikaturisten
. Der Satiriker sieht Einzelne und
Einzelnes losgelöst von ihren Bedingnissen:
so muß er „alles mißverstehend alles verurteilen
", von ihm als Bildner aus gesagt:
alles so schön scheußlich finden. Und der
Karikaturist sieht nur die Bedingnisse, nur
die Bezüge, die Funktion ohne ihre Träger:
der Arm ist nichts als ein Greifen, die Nase
nur was fürs Riechen, so steht er außerhalb
des Geheimnisses von ev xai nav.

In solchen Verschiebungen liegt die willkürvolle
Freiheit dieser Kunst, ihre eigentümlichste
Faszination. Preetorius stellt gar
nichts an, um seine Objekte selber interessant
zu machen — es sind im Grunde lauter Schil-
lersche Calcagni, „gewöhnliche Menschen",
lauter „wir selbst", aber er sieht sie an, jeweils
nur sie an, und sie sind grotesk aus
Einzigkeit, bös aus Einzigkeit, jämmerlich aus
Einzigkeit, tollsten Reizes voll aus Einzigkeit.
Alle billigen Mittel von Auffrischung, von
Erweckung der Aufmerksamkeit sind verschmäht
: keine Geißel wird geschwungen,
keine Lauge ausgegossen, Spott und Verachtung,

IS

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