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ARCH. ERNST HAIGER-MUNCHEN
GRABMAL LOHMANN IN HAGEN
GRABDENKMALE VON ERNST HAIGER
(ERRICHTET DURCH DAS WIESBADENER BUREAU FÜR GRABMALKUNST*)
Tn diesem Frühling werden es fünf Jahre, daß ich
* mich zum erstenmal an Ernst Haiger mit der
Bitte wandte, mir einige Entwürfe für Grabdenkmäler
zu zeichnen. Veranlassung gab mir die »Konkurrenz
zur Erlangung künstlerischer Entwürfe einfacher
Grabdenkmale«, die von der »Wiesbadener Gesellschaft
für bildende Kunst« gelegentlich der
Vorbereitung der ersten großen Ausstellung zur
Hebung der Friedhofs- und Grabmalkunst 1905 ausgeschrieben
wurde. Haiger sandte uns drei Zeichnungen
, darunter auch den Entwurf zu dem hier
wiedergegebenen Doppelgrabstein (Abb. siehe oben),
in dem die Grundformen eines ionischen Kapitals zu
einem durch den edel-schlichten Aufbau und den
großen Wohlklang der Proportionen ausgezeichneten
Denkmal verarbeitet waren; zugleich bildeten die den
Fernblick nicht behindernden geringen Höhenabmessungen
ein programmatisch wichtiges Moment
für den Denkmaltyp, namentlich breiterer, freiliegender
Gräber. Die Jury, bestehend aus den
Herren Professoren Habich, Pützer und dem Unterzeichneten
, war sich sofort darüber einig, daß dieser
Arbeit der erste Preis gebührte. So war eine Verbindung
eingeleitet, die sich in den folgenden Jahren
als fruchtbar für beide Teile erweisen sollte.
Die Ergebnisse der Ausstellung hatten mich in
der Ueberzeugung bestärkt, daß es vor allem darauf
ankomme, den die Grabmalversorgung des großen
*) Das Bureau verschickt gegen Einsendung von 20Pfg. das Flugblatt
„Winke für die Beschaffung eines Grabmals" (25 Abbildungen).
Publikums beherrschenden Steinmetzgeschäften vor
denToren derFriedhöfe einwandfreies Vorlagematerial
zu beschaffen, freilich nichtzu beliebiger Verwendung,
sondern unter der Bedingung absolut getreuer Nachbildung
und unter gleichzeitiger Lieferung der erforderlichen
, von Künstlern geschaffenen Modelle der
bildhauerischen Teile und solcher Werkzeichnungen,
die bis ins einzelne eine werkgerechte Materialbehandlung
und dieses Material selbst vorschreiben.
Aber das war anfangs leichter gedacht wie getan.
So erwies sich mir Haigers Mitarbeiterschaft
namentlich in den ersten Jahren von unschätzbarem
Wert. Seine nie ermüdende Phantasie zeigte sich
schier unerschöpflich in der Hervorbringung immer
neuer Formen und bewältigte spielend auch in kürzester
Frist die kompliziertesten Aufgaben. Auch
scheint mir Haigers Begabung, die in dem Reichtum
der immer architektonisch gut motivierten Gliederungen
wie in der Anmut der Proportionen ihre
Stärke hat, wie geschaffen für das Grabmal. Gerade
die Kleinheit der Verhältnisse bildet für seine graziöse
Formgebung das richtige Arbeitsfeld.
Zur vollen Wirkung bedarf seine Kunst freilich
im Grunde genommen edlen Materials wie Laaser
Marmor, doch vermag auch der dichte Euville, jener
gelblich-weiße französische Kalkstein, sehr glücklich
den Marmor zu ersetzen. Unter den Erneuerern
der Grabmalkunst unserer Zeit wird Ernst Haiger
für immer mit an erster Stelle genannt sein müssen.
Dr. von Grolman
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