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Was ein Künstler aus der Idee machen
kann, vermögen wir kaum zu ahnen, denn
soviel mir bekannt, gibt es noch nirgends
Blumengärten, die die schmückenden Wirkungen
der Blume gründlich und in rein
künstlerischem Sinne ausnutzen, selbst in
England nicht, das am weitesten vorgeschritten
ist und mancherlei Anregungen bieten wird.
Daß auch unser Ohlsdorfer Friedhof einen
Ausgangspunkt bilden kann, braucht in Hamburg
kaum erwähnt zu werden. Alte Vorbilder
fehlen. Was die Gärten des siebzehnten
und achtzehnten Jahrhunderts bieten, ist von
unserm Standpunkt durchweg Spielerei. Die
kostspieligen und langweiligen Teppichbeete,
wie wir sie ja leider auch noch kennen, wollen
wir ganz außer Berechnung lassen. Sie waren
ehedem eine Uebertragung des Stils der ge-
ERNST HAIGER-MÜNCHEN
GRABMAL KLEE
stickten Gewänder auf die Gartenanlage.
Heute, wo wir sie auf die Rasenflächen eines
englischen Parks kleben, sind sie nicht zu
verantworten.
Wir haben seit dem siebzehnten Jahrhundert
eine unendlich größere Fülle an neuem Stoff
und darüber hinaus durch Züchtung neue
Formen und Farben von märchenhafter Schönheit
gewonnen. Was ist, um ein Beispiel
anzuführen, seit dem neunzehnten Jahrhundert
aus dem Rhododendron und aus der pontischen
Azalee geworden.
Bei der Anlage dieser Blumengärten wird
auszugehen sein von der Erwägung, daß es
sich in erster Linie um blühende Stauden,
Büsche und Bäume handeln muß, die in
unserem Klima ausdauern. Alles muß so
berechnet werden, daß es mit dem geringstmöglichen
Aufwand von Arbeitskraft unterhalten
werden kann.
Die Möglichkeiten, die sich der gestaltenden
Phantasie bieten, lassen sich gar nicht
ausdenken. Was wir bisher in deutschen
Parks und Gärten gesehen haben, kann kaum
als Präludium gelten. Der sogenannte englische
Garten hat bisher der Erfindung nur
einen ganz geringen Spielraum gelassen. Ich
habe noch nirgend in der Welt einen Blumengarten
gesehen, der so schön ist, wie ich ihn
mir ausdenken kann.
Wir verwenden beispielsweise die Rhododendren
kaum anders als andere Büsche. Sie
werden in Massen, die die Entwicklung der
einzelnen Pflanze hindern, nebeneinander gepflanzt
, wirken zur Blütezeit mit brutaler
Buntheit und den Rest des Jahres garnicht.
In unserem Park ließe sich ein eigener
Rhododendrengarten denken, wo an breiten
Wegen die blühenden Büsche einzeln in voller,
runder Entwicklung sich ausbreiten können,
aber nicht zufällig geordnet, sondern in einem
großen farbigen Rhythmus, immer mit festen
weißen Massen zwischen Purpur, Rosa und
Lila. Ein solcher Garten, an eine Terrasse
gelehnt, von der seine Pracht als Ganzes überschaut
werden kann, würde zur Zeit der
Blüte zauberhaft wirken. Für die übrige Zeit
des Jahres müßten die kräftig entwickelten
grünen Büsche den Gegensatz zu einem
andern Rhythmus farbiger Flecke bilden, etwa
des Phlox im Sommer oder der Winteraster,
die es jetzt in vielen Farben gibt, im Herbst.
Für einen andern Garten könnte die pontische
Azalee die Grundlage bilden, deren zarte
Farbentöne zu dekorativen Wirkungen großen
Stils noch kaum ausgenutzt worden sind.
Daneben könnten Kirsche, Apfel, Mandel,
Zwiebelblumen, Iris, Chrysanthemum oder
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