http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_22_1910/0396
Das Bauterrain, das für
Eberhardts neue Schöpfung,
für das Landhaus Adolfshütte
in Dillenburg, zur
Verfügung stand, war recht
reizvoll, aber auch nicht ohne
erhebliche Schwierigkeit. Es
glich etwa einem rechtwinkligen
Dreieck, dessen kleine
Kathete von einer Fabrikanlage
, die große von einem
steilen Bergabhang gebildet
wird, die Hypothenuse vom
Dillfluß. Dort stehen eine
Reihe alter Bäume in einem
angelegten Park, dieser Park
aber wird durchschnitten von
einem schnurgeraden Turbinenkanal
, der parallel zu dem
Abhang ziemlich an dessen
Sohle in südöstlicher Richtung
der Dill zuläuft. Was
soll mit diesem nüchternen
Kanal geschehen, der nicht
aus der Welt geschafft werden
kann? Der Bauherr war bereit
, ihn für die Strecke zu
Übertunneln; dann hätte sich
ja wohl im übrigen aus dem
Garten genügend Bauterrain
herausnehmen lassen. Eberhardt
gewann den Bauherrn
aber zu einer kühnen und
ausgezeichneten Lösung; die
herrlichenBaumbestände zwischen
Kanal und Fluß sollten
ganz geschont bleiben, das
Hausaber zwischen Kanal und
Bergabhang gestellt werden.
Dort war nicht viel Platz. So
entschied man sich, die Längsseite des Hauses
ganz hart parallel zu dem Kanal zu legen,
zwei Längsmauern direkt auf den Kanalmauern
, mit der Ueberwölbung einer kurzen
Strecke aber Raum für einige Zimmer zu gewinnen
, die sich nun über eine breit lagernde
Terrasse weg unmittelbar zum Garten öffnen.
Die Abbildungen sagen besser als Worte, wie
sehr diese Idee geglückt ist. Der Wirtschaftsbau
, zu dem eine hübsche Brücke vom Garten
her führt, ist etwas zurückgeschoben, damit
dort ein paar Eichen, die hart am Rande des
Kanalsstehen, erhalten bleiben konnten; dieses
leichte ungezwungene Aus-der-Linie-weichen,
einigen Bäumen zuliebe unternommen, gibt
auf der Rückseite, dem Zufahrtshof, eine reizvolle
Unregelmäßigkeit.
Damit, daß der Kanal, sein rasch fließendes
LANDHAUS ADOLFSHÜTTE
TEIL DER VORDERANSICHT
Wasser, sozusagen als wesentliches Bauglied
eingesetzt wurde, ergeben sich von selber,
ohne weiteres Hinzutun, frische malerische
Bilder. Das Wohnhaus des Fabrikherrn erscheint
gewissermaßen mit dem Betrieb verbunden
, ein Zug von industriellem Rationalismus
ist gewahrt, und doch hat das Gebäude
nichts von seinem großen vornehmen, behaglichen
Charakter verloren. Diese überraschende
Ausnützung eines scheinbar störenden
Elementes ist kein willkürliches Architektenkunststück
, das sich beliebig kopieren
ließe, sondern eben die geistreiche Leistung
eines sachlichen, unbefangenen Individualisierens
, einer zugleich pietätvollen landschaftlichen
Empfindung.
Denn die schwere Baumasse hat einen festen
Hintergrund bekommen durch den Berghang,
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