Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 22. Band.1910
Seite: 409
(PDF, 172 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_22_1910/0462
ii n _ Ii _ n i n j_ II _ II _ II £ II ■ II

KONSUMENTEN-ERZIEHUNG

ie Erkenntnis, daß es, um zu
einer Gesundung unserer gewerblichen
Produktion zu kommen
, nicht genügt, von Fabrikanten
und Handwerkern die
Herstellung künstlerisch und
technisch einwandfreier Arbeiten zu fordern
und durch kostspielige Schulen und Lehrwerkstätten
einen schaffensfreudigen Nachwuchs
gut geschulter Arbeitskräfte zu erziehen, ist
nicht neu. Solange selbst die wohlhabenden
und kaufkräftigen Gesellschaftskreise das
billige und minderwertige Maschinenerzeugnis
der guten Handwerksarbeit und das schlechte
Surrogat dem echten Material vorziehen, ohne
zu bedenken, daß „billig" noch lange nicht
„wohlfeil" oder „preiswert" ist, bleiben alle
Bemühungen um die Förderung der Qualitätsarbeit
ein problematisches Beginnen. Es ist
unbedingt erforderlich, weite Volkskreise über
die praktischen und ästhetischen Vorzüge des
Guten und die Mängel und Nachteile des
Schlechten, über die Eigenschaften und die
Verarbeitung der verschiedenen Materiale und
ihre Verwendung, über die Unterschiedsmerkmale
von Echt und Unecht, über absichtliche
Täuschungen und Materialschwindel und noch
vieles andere aufzuklären und so die Konsumenten
dazu zu erziehen, die gute Arbeit
als solche zu schätzen und dem billigen Schund
vorzuziehen, also zu kaufen. Das alles weiß
man längst, aber wo geschieht es?

In Zeitschriften und durch Vorträge. Gewiß
. In einer Bevölkerung von 60 Millionen
spielen aber die Tausende, die solche Zeitschriften
lesen und solche Vorträge besuchen,
eine kleine Rolle. Die große Menge will am
liebsten sehen, und Sehen überzeugt ja auch
leichter und gründlicher als alle klugen Worte.
Dazu genügen aber die Sammlungen unserer
Kunstgewerbe-Museen nicht, die als Stapelplätze
kulturgeschichtlicher Meisterwerke und
gewerblicher Kuriositäten mit dem Schaffen
der Gegenwart nur selten in Berührung kommen
. Wie sehr dennoch eine den praktischen
Bedürfnissen des werktätigen Lebens dienende
und den Anforderungen einer gesunden Entwicklung
Rechnung tragende Museumsleitung
den erzieherischen Einfluß solcher Anstalten
durch wechselnde Ausstellungen zu heben und
auszunutzen vermag, beweist die Statistik, die
der Brauch, die Besucher von Museen und
öffentlichen Sammlungen zu zählen, für das
Jahr 1909 ergeben hat.

Daß das Kunstgewerbe-Museum in Königsberg
nur 1226 Besucher {xh °/o der Einwohnerzahl
) und das in Hannover deren 3500 (1 °/o)
zählte, läßt gerade nicht auf lebhaftes Interesse
der Bevölkerung schließen, aber auch in anderen
deutschen Städten ist das Ergebnis nicht
viel günstiger. So zählten die Kunstgewerbe-
Museen in Berlin 67400 (3 °/o), Dresden 17372
(4 °/o), Frankfurt a. M. — einschließlich der
kurzen Ausstellung des Deutschen Werkbundes
— 9464 (3 °/o), Leipzig 13000 (2 °/o), Straßburg
6000 (4 °/o) und die Gewerbemuseen in
Bremen 10000 (5°/o), Darmstadt 3998 (4 °/o)
und Ulm 940 (2 °/o). Wo das Interesse nicht
auf die vorhandenen Bestände beschränkt blieb,
vielmehr durch wechselnde Ausstellungen immer
wieder angeregt wurde, ändert sich das
sofort. So hatten die Kunstgewerbe-Museen
in Düsseldorf 70737 Besucher (20 °/o), Elberfeld
30000 (18%), Flensburg 15000 (25 °/o),
Nürnberg 82000 (25°/o) und Stuttgart 99523
(35 °/o). In Deutschland hat also das Stuttgarter
Museum, das unter der zielbewußten
Leitung Prof. Pazaureks durch ebenso interessante
, wie instruktive Veranstaltungen den
Bedürfnissen der Gegenwart zu genügen und
der Entwicklung des Neuen und Besseren
den Weg zu ebnen sucht, nicht nur prozentual,
sondern überhaupt die höchste Besucherzahl
zu verzeichnen.

Auch in Oesterreich werden die Museen
in Prag (6173 Besucher = 3 °/o) und Wien
(166557 = 8°/o) von dem Rainer-Museum in
Brünn (40000 = 33 %>) und dem Nordböhmischen
Museum in Reichenberg(16210 = 43°/o)
weit überholt, deren mannigfache Ausstellungen
bekannt sind und auch aus Deutschland
gern beschickt werden.

Noch günstiger ist das Ergebnis in der
Schweiz. Es zählten die Museen in Basel
22015 Besucher (16°/o), Bern 30000 (37 °/o),
Freiburg 8714 (44 °/o), St. Gallen 16 700 (20 %)
und das Züricher Städtische Kunstgewerbe-
Museum, einschließlich der Bibliothek und
Musterzimmer 141586 (76°/o). Das wird freilich
niemanden überraschen, der verfolgt hat,
wie sich gerade die von Prof. Julius de Prae-
tere geleitete Züricher Kunstgewerbeschule
und das ihr angegliederte Museum in wenigen
Jahren zu einer Stätte künstlerischer Erziehung
entwickelt haben, deren günstiger
Einfluß in der handwerklichen und industriellen
Produktion des Landes schon sehr deutlich
zu merken ist. Dabei bieten alle diese

II

3C

ia

Dekorative Kunst. XIII. 9. Juni tgio.

409

52


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_22_1910/0462