Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 22. Band.1910
Seite: 412
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MARGARETE BARDT SPITZEN-TASCHENTÜCHER LOTTI KRAUSE

AUSFÜHRUNG: SCHULEN FÜR KÜNSTLERISCHE NADELSPITZEN, HIRSCHBERG (SCHLESIEN)

SCHULEN FÜR KÜNSTLERISCHE NADELSPITZEN
IN HIRSCHBERG (SCHLESIEN)

eben ihrer hundertjährigen Stiefschwester
, der Klöppelspitze im
sächsischen Erzgebirge und im
benachbarten Böhmen, ist die
Nadelspitze im Hirschberger
Tal im Riesengebirge noch jung.
Erst 1855 wurde auf Veranlassung der preußischen
Regierung die Spitzen ■ Industrie als
Heimarbeit im Hirschberger Kreise eingeführt,
um der verarmten Bevölkerung eine neue Erwerbsmöglichkeit
zu bieten. Vom Staat finanziell
bedeutend unterstützt, erreichte sie bald
eine gewisse Bedeutung, nicht nur als Arbeitsquelle
, sondern auch als Produzent einer auf
dem Weltmarkt konkurrenzfähigen Spitze, die
schon Anfangs der sechziger Jahre den belgischen
und französischen Erzeugnissen als
gleichwertig zur Seite gestellt wurde. Da zog
der Staat seine Hand von dem Unternehmen
zurück: die Spitze sollte ihre Lebensfähigkeit
ohne staatlichen Zuschuß beweisen. Noch
war die junge Industrie zu schwach für dieses
Wagnis. Der Absatz geriet ins Stocken, die
Kriegsjahre taten ein übriges, und nach schwachem
Aufflackern schlief sie fast völlig ein. In
den achtziger Jahren wandte der Staat wiederum
sein Interesse der schlesischen Spitze zu. Der
preußische Hof bestellte Spitzen in Hirschberg
und suchte durch dieses Vorgehen wenigstens
einen kleinen Kreis zur Nacheiferung
zu bewegen. Vom großen Publikum blieb sie

jedoch unbemerkt. Erst in letzter Zeit isthierin
ein Umschwung eingetreten. Man hört hier
und da von einer neuen schlesischen Spitze;
Kunstzeitschriften zeigen sie immer häufiger
im Bilde; auf Ausstellungen und in Kunstsalons
leuchtet sie aus blanken Vitrinen zwischen
Gold- und Silberschmuck festlich hervor. Jetzt
endlich ist sie aus ihrem langen Schlaf erwacht
, die schlesische Spitze, und lebensfroh
kämpft sie um ihre Anerkennung und ihre
Stellung in der „Gesellschaft". Künstlerisches
Empfinden und künstlerisches Können haben
ihr neues Leben gebracht und sie aus der
Vergessenheit hervorgeholt, in die langweilige
Nachahmung und sterile Unselbständigkeit
sie verbannt hatten.

Zwei Münchener Künstlerinnen, Margarete
Bardt und Hedwig von Dobeneck, haben
das Verdienst, für die kunstliebenden Kreise
eine schöne neue Spitze geschaffen zu haben,
während sie zugleich der weiblichen Bevölkerung
des Hirschberger Tales durch Gründung
zahlreicherSchulen erneute Arbeitsgelegenheit
zuführen.

Die echte Spitze ist ein Produkt der Heimarbeit
, hier, wie in allen übrigen Spitzen
produzierenden Zentren. Wenn auch die zahlreichen
Untersuchungen am Ende des vorigen
Jahrhunderts ein düsteres Licht auf die Verhältnisse
in der Hausindustrie warfen und
ihre Bekämpfung wünschenswert erscheinen

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