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Beispiele hier volkserzieherisch wirken können,
sofern bei ihrer Ausstattung guter Geschmack
in gefälliger Form zum Ausdruck kommt.
Trifft dies zu, so kann das Schaufenster, die
Ladenauslage, einen ganz bedeutenden Einfluß
nach der genannten Richtung gewinnen, zumal
in ihnen, sofern sie nur künstlerisch einwandfrei
behandelt werden, nicht nur die Wandlungen
der Mode, sondern vor allem auch
die Wandlungen im guten Geschmack in farbenreichen
, prächtigen Bildern unendlich mannigfaltig
an den Augen zahlloser Beschauer jahraus
jahrein vorüberziehen.
Unter den großen Warenhäusern der Gegenwart
ist seit einer Reihe von Jahren das Kaufhaus
A. Wertheim in Berlin, in der Leipziger
Straße, durch die künstlerische Gestaltung
seiner Schaufenster vorbildlich geworden Seine
Fensterauslagen verdanken dem kultivierten
Geschmack einer Anzahl Künstler und Künstlerinnen
und den kunstsinnigen Angestellten des
Hauses ihre Entstehung, von deren Geschick
die hier wiedergegebenen Abbildungen einige
A. NIEMEYER □ SCHAUFENSTER DER BLUMEN HANDLUNG J. v. HECK EL
gute Beispiele bringen. Das Schaufenster der
Blumenhandlung von J. v. Heckel in der Maximilianstraße
in München ist mit vornehmen
Empfinden für diese eigene Kunst von Adelbert
Niemeyer geschaffen worden.
Wie bei aller Kunst muß auch hier das
Einheitliche, Ubersichtliche und Großzügige
in Form und Farbe den Ausschlag geben und
mit einem Blick erkennen lassen, worauf es
eigentlich ankommt.
Dann aber hängt der vollendete Eindruck
eines Schaufensters sehr wesentlich noch davon
ab, wie weit seine architektonische Gestaltung
mit dem in ihm zur Schau Gestellten in sachgemäßer
Weise zusammengeht. Die architektonische
Form des Ladenfensters verhält sich
zu seinem geschmackvollen Inhalte wie der
Rahmen der Bühne zu einer charaktervollen
Szenerie im Schauspiel. Beide bilden lediglich
für das Auge eine bestimmte und dem Vorgeführten
angemessene Abgrenzung, die sich
nicht auffällig vordrängen darf, sondern bescheiden
unterordnen soll und die zugunsten
des von ihr umschlossenen Raumes
und seines wertvollen Inhaltes eigentlich
immer zunächst übersehen
werden muß. Diesem einwandfreien
architektonischen Rahmen
für das Schaufenster begegnen wir
heute fast nur bei den wenigen
Kaufhäusern, die von vollkommen
modern empfindenden Architekten
erbaut sind.
Jene anlockenden Beziehungen,
die das Schaufenster als öffentlicher
Spiegel der kulturellen Höhe
eines Geschäftes zwischen dem
Verkäufer und dem kaufenden Publikum
vermitteln soll, können aber
ihre ganze Wirkung, ihren geschmackbildenden
Einfluß nur dann
vollkommen geltend machen, wenn
dabei alles Wesentliche mit jenem
feinen Geschmack bedacht und gestaltet
wird, den wir heute dem
deutschen Kaufmann so gern anerziehen
möchten. Gelingt dies,
so wird in Zukunft das Schaufenster
der besseren Geschäfte
von seiner Geschmacklosigkeit und
Banalität allmählich befreit werden
und neben seiner Eigenschaft
als bedeutender wirtschaftlicher
Faktor im geschäftlichen Leben unserer
Tage auch mehr als bisher
erzieherisch und geschmackbildend
wirken können.
Hermann Warlich
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