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ARCH. KURT HÄGER-PLAUEN
LANDHAUS STAPF-MOB1US IN GREIZ
DAS LANDHAUS STAPF-MOBIUS IN GREIZ
hat lange gedauert, ehe wir
@/(6)u\ gelernt haben, den Kern unsres
architektonischen Schaffens und
Verstehens nichtallein im Monumentalbau
zu suchen. Fast das
ganze 19. Jahrhundert, soweit
es überhaupt der Baukunst einen Platz in
seinem ästhetischen System einräumt, hat
für den bürgerlichen Bau, den Wohnbau bescheideneren
Umfangs, wenig übrig. Das Bauwerk
als Ausdruck eines Verewigungsstrebens,
das architektonische Monument im Dienste
abstrakter Mächte, beherrscht die künstlerische
Entwicklung der Jahrhunderte. Von
der Cheopspyramide zum Konstantinsbogen,
von der Sainte Chapelle zum Palazzo Pitti
wiegt sich der Rhythmus der architektonischen
Ideale. Und als der Protestantismus der Gegenreformation
keine sakralen Denkmäler seines
religiösen Individualismus entgegenzusetzen
weiß, dringt die Summe seiner schöpferischen
Kräfte in das Gebiet des fürstlichen Reprä-
sentations- und Wohnbaus ein, und das Heidelberger
Schloß z. B. übernimmt die Verkörperung
des Kulturgedankens der deutschen
Renaissance. Erst im 18. Jahrhundert aber
beginnt die bürgerliche Baukunst neben der
einer absterbenden Aristokratie auch dort eigne
Töne zu finden, wo keine deutliche stammesgeschichtliche
Ueberlieferung vorhanden war,
also in Handelsstädten wie Leipzig und Breslau
und in kleineren Residenzstädten wie
Weimar oder Ansbach. Und hier setzt heute
die Linie der neudeutschen bürgerlichen Baukunst
wieder an.
Der weitere Verlauf im Jahrhundert der
Retrospektive ist bekannt. Ziemlich zwei
Menschenalter lang zehrten wir am Erbe einer
großen, mehr oder weniger unverstandenen
Vergangenheit, und schlössen die Augen vor
den Forderungen der nahen Umwelt. Heute
beginnen wir die Erzeugnisse des Berliner
Neuklassizismus, der Semperschen oder württembergischen
Frührenaissance, ja auch den
temperamentvollen Butzenscheibenstil eines
Gedon oder Griesebach wieder mit nachsichtigen
Blicken anzuschauen, die den Radikalen
der Moderne so lange als bedauernswerte
Ausgeburten eines greisenhaften Stilgötzen-
tums gegolten haben. Aber wir wußten längst,
worauf es beim Bauen eigentlich ankommt,
ehe die Praxis der oft bescheidnen, aber ehrlichen
Harmonie jener Werke, Aehnliches an
die Seite zu setzen vermochte. Die Gesinnung
HC
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