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DIE LEIPZIGER FRÜHJAHRS-MESSE 1910
ie Leipziger Messe auf geschmacklich
einwandfreie Waren zu
durchsuchen und eine Auswahl
dieser Dinge in der „Dekorativen
Kunst" abzubilden, ist
eine höchst notwendige und nützliche
, aber auch undankbare Aufgabe. Ich weiß
nicht, ob die Leser der „Dekorativen Kunst"
diesem Unternehmen einigen Reiz abgewinnen
werden, und ich fürchte, es wird mancher das
Heft gelangweilt weglegen: was soll diese im
besten Fall brave Arbeit hier, wo die Reize persönlicher
Gestaltung gesucht werden ? Was
kümmert es uns, ob die Firma So- und -so sich
bestrebt, gute Muster auf den Markt zu bringen,
ob sie in ihrer Produktion ein gewisses Geschmacksniveau
mit Mühe festzuhalten weiß;
ein Grabmal von Obrist, eine Intarsia von Pan-
kok ist viel interessanter • auch wichtiger.
Dieser Höhenmenschen
- Standpunkt
ist gewiß
vorteilhaft für den,
der ihn einzunehmen
versteht. Er
mag auch gerechtfertigt
sein für
den, der ihn dauernd
innezuhalten
vermag, der sich
also nicht scheut,
daraus die Konsequenz
zu ziehen
und alle Ergebnisse
unserer industriellen
Entwicklung
resolut
abzulehnen, auf
alles zu verzichten
und sich den Luxus
der absoluten
Primitivität als
höchstes Raffinement
zu leisten.
Wem aber zu solcher
Auffassung
Verständnis und
Konsequenz und
für den Höhenmenschen
- Standpunkt
als Pose der
Geschmack fehlt,
der wird der Frage
: inwieweit die
otto thiem-unterweiszbach sitzende dame
AUSFÜHRUNG: SCHWARZBURG ER WERKSTÄTTEN FÜR PORZELLANKUNST,
UNTERWEISZBACH (SCHWARZBURG-RUDOLSTADT)
künstlerische Arbeit des letzten Jahrzehnts in
die gewerbliche Tagesarbeit formbildend und
orientierend eingegriffen hat, doch einiges Interesse
entgegenbringen. Für diese Leser hat
die „Dekorative Kunst" auf Anregung des
„Deutschen Werkbundes" ein Heft über
die Leipziger Messe zusammengestellt. Der
Werkbund ernannte eine Kommission, bestehend
aus den Herren Karl Bertsch-
München, R. L. F. ScHULZ-Berlin, Prof. Karl
gross-Dresden, Dr. Wolf DoHRN-Dresden
und dem Assistenten des Deutschen Museums
für Kunst in Handel und Gewerbe in Hagen,
Herrn August Kuth, die gemeinsam mit dem
Redakteur der „Dekorativen Kunst", Herrn
Deubner in zweitägigem Besuch der Leipziger
Messe die Musterlager durchsuchten.
Die Leipziger Messe ist bekanntlich die
größte, fast auch die älteste Veranstaltung dieser
Art. Sie hat aber
im Laufe der Jahrhunderte
ihren Inhalt
gewechselt.
Ursprünglich Warenmesse
, ist sie
jetzt mit der Entwicklung
des Kapitalismus
Mustermesse
geworden,
d. h. die Waren
selbstwerdennicht
gehandelt, sondern
nach ausgestellten
Mustern
werdenWaren ausgesucht
, und der
Firmeninhaber
oder Vertreter notiert
, was der Einkäufer
bestellt.
Dieser Verkehr
setzt den modernen
kaufmännischen
Apparat,
auch die kaufmännischen
Ehrbegriffe
prompter
und sachgemäßer
Erledigung erteilter
Aufträge voraus
, und die Mustermesse
gewinnt
daherJahr fürJahr
an Ausdehnung,
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Dekorative Kunst. XIII. 10. Juli joio
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