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MAX LÄUGER □ PROJEKT FÜR DEN STADTPARK IN HAMBURG: BLICK VOM MUSIKPAVILLON ZUM WASSERTURM
MAX LÄUGERS ENTWÜRFE ZUM HAMBURGER STADTPARK
UND ZUM OSTERHOLZER FRIEDHOF BEI BREMEN
eberall, wo sich ein Kampf zwischen
zwei künstlerischen Prinzipien
erhebt, pflegt es nicht
lange zu dauern und es erscheinen
die ganz Verständigen, die
da sagen: Keine Partei hat völlig
recht, jede meint etwas Richtiges; das Erstrebenswerte
liegt in der Mitte. Und man
befürwortet einen Kompromißstil, der das Gute
beider Lager vereinigen soll. Wo aber noch
Jugend ist, da wird man sich solchem Ansinnen
mit der Kraft starken Entwicklungsdranges
widersetzen.
In dem Kampf, der seit einer Reihe von
Jahren bei uns um die Gestaltung des Gartens
ausgefochten wird, stehen derartige Vermittlungsversuche
auf der Tagesordnung. Die fundamentalen
Gegensätze zwischen architektonischer
und landschaftlicher Komposition gilt es
zu beseitigen. Man versteht sich einerseits
zu einer regulären, geometrischen Grundrißaufteilung
, formiert auch das Gelände in architektonischem
Sinne durch Anlage von Terrassen,
versenkten Parterres und dergleichen. In der
Art und Weise aber, wie man diesen Grundplan
bepflanzt, folgt man gern den „naturgemäßen
" Prinzipien des Landschaftsgartens. Man
verteilt z. B. mehrere Baumgruppen auf der
rechteckigen Rasenfläche am Hause, „malerisch"
in der Aufstellung der einzelnen Gruppe wie
in ihren asymmetrischen Beziehungen zu einander
. Den Rasen umzieht ein breiter Blumenstreifen
, der nun nicht als niedriger, einheitlich
farbiger Gürtel erscheint, sondern in seiner
Zusammensetzung dem nach natürlicher Willkür
lechzenden Gärtner Genüge tut: ein Gemisch
von kriechenden und hochaufschießenden
Gewächsen, die in Weg und Rasen hineinwuchern
und die klaren Linien verwischen. Vor
allem aber wird durch einen zu hohen, üppigen
Wuchs an dieser Stelle der flächige Charakter
des Parterrebezirks zerstört. Das kommt am
stärksten dort zum Ausdruck, wo man sich
nicht vom Gebüsch im Parterregarten trennen
mag, wo man Strauchwerk frei in aufgelösten
Formen in die offnen Flächen eindringen läßt.
Kurzum, den Gärten, die auf einem regulären
Grundriß mehr oder weniger landschaftsgarten-
mäßig bepflanzt sind, fehlt der eigentliche architektonische
Sinn, der Sinn für das, was man
in der Blütezeit der Gartenkunst, im 17. Jahrhundert
, das „Relief" des Gartens nannte.
Man beachtet nicht, daß das Wesentliche im
Garten auf dem scharf ausgeprägten Kontrast
von einer freien, übersichtlichen Fläche (Parterre
, Bassin) zur geschlossen aufsteigenden
Masse (Gebüsch, Hecke) beruht. Mit anderen
Worten: Die räumliche Wirkung — vielleicht
das wichtigste Element, das den malerischen
Tendenzen des Landschaftsgartens vor 150
Jahren zum Opfer fiel — bleibt den Entwürfen
der „vermittelnden" Gartenarchitekten versagt.
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Dekorative Kunst. XIII. n. August 1910
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