Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 22. Band.1910
Seite: 528
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_22_1910/0580
DIE TAGUNG DES DEUTSCHEN WERKBUNDES ZU BERLIN

"P\ie dritte Jahresversammlung des Deutschen Werk-
bundes tagte in Berlin. Die beiden großen Veranstaltungen
, die Städtebauausstellung und die Zweite
Ton-, Zement- und Kalkindustrieausstellung, die
beide in ihrer Art neue Gesichtspunkte für das
Zusammenwirken von Kunst und Industrie boten,
wurden besucht. Daran schlössen sich Besichtigungen
neuer, architektonischer Anlagen, vor allem der Allgemeinen
Elektrizitätsgesellschaft. Neben den einzelnen
Modellen fesselte die große Turbinenhalle,
deren monumentale Gestaltung eindringlich zeigte,
wie aus dem Geist der Maschinen heraus ein
Fabrikgebäude großzügig und neu zu schaffen ist.

Drei Landhäuser (das Haus Schuppmann von
Bruno Paul, das Haus Behaim-Schwarzbach von
Schultze-Naumburg, die Pension Müller und
Hoffmann von August Endell) führten den Besuchern
verschiedene Typen vor, wie sie den besonderen
Anlagen und Absichten der Künstler, die sie
schufen, entsprachen. Daran schloß sich die Besichtigung
der neuen, von Geh. Baurat March
entworfenen Rennbahn Grunewald.

Die öffentlichen Sitzungen, zu denen auch eine
große Anzahl von geladenen Gästen sich eingefunden
hatte, berührten allgemeine Fragen aus dem Arbeitsgebiet
des Deutschen Werkbundes und boten so zugleich
einen Ueberblick über die verschiedenen Bestrebungen
des Bundes.

Sektionsrat Dr. R. Vetter sprach über die staatsbürgerliche
Bedeutung der Qualitätsarbeit und hob die
Grundsätze hervor, von denen alle gute und tüchtige
Arbeit auszugehen habe: Zweckmäßigkeit, Konstruktionsrichtigkeit
, Materialechtheit. Die moderne,
kunstgewerbliche Bewegung hätte sich auf dieser
Grundlage zu einer allgemeinen Erneuerung, auch
in wirtschaftlich-sozialer Hinsicht erweitert und
wolle die gesamte Kultur beeinflussen. An die Stelle
des theoretischen Suchens nach einem neuen Stil
sei die praktische Arbeit getreten. Frühere Zeiten,
speziell als die Zünfte wirkten, kannten schon den
Begriff der Qualitätsarbeit, der jgerechten Ware«.
Wirtschaftliche Ordnung führte zu guter Arbeit.
Die neue Zeit, die die Herrschaft über die wirtschaftliche
Entwicklung verlor, führte zur Verwilderung
, indem sie eine falsche Freiheit verkündigte.
Diese Ordnung wiederherzustellen, sei das Ziel
einer gesunden, wirtschaftlichen Entwicklung, sie
führt fast von selbst zur Qualitätsarbeit.

Daran anschließend führte Direktor Dr. P.Jessen
Lichtbilder von der deutschen Abteilung der Weltausstellung
Brüssel vor, deren einheitliche Gestaltung
durch Industrie und Handwerk, Künstler und Ingenieure
am besten den Fortschritt des neuen
dekorativen Gedankens illustriere.

Am dritten Tage wurde im engeren Kreise der
Mitglieder über den Fortgang der Werkbund-Arbeiten
berichtet.

Ein Antrag an die Handelskammern zur Hebung
der Medaillenkunst wurde eingebracht. Dr. Wolf
Dohrn sprach überdie Maßnahmen zur Geschmacksbildung
des deutschen Kaufmanns; gerade der
Handelsstand, die Handelskammern und der Verband
für das kaufmännische Unterrichtswesen brächten,
wie er nachwies, den Bestrebungen des Werkbundes
volles Interesse entgegen.

Im Anschluß hieran legte Karl Ernst Osthaus
die Grundzüge des von ihm ins Leben gerufenen
Museums für Kunst im Handel und Gewerbe
in Hagen i. W., in dem für alle diese Bestrebungen

BascBacBeai

eine Zentrale geschaffen sei, dar (Veranstaltung von
Ausstellungen, Lichtbildsammlungen usw.).

Frau Else Oppler-Legband sprach über die
Fachschule für Dekorationskunst, zu deren Gründung
die mannigfachen Schaufensterkonkurrenzen
geführt hätten.

Prof. Richard Riemerschmid beantragte die
Herstellung einer vollständigen Farbenskalasamm-
lung, die etwa2000—2500Nummern enthalten müsse.
Auf Kartons gedruckt, in Schachteln aufbewahrt,
solle sie den Künstlern ein Mittel sein, die Farben
nebeneinander zu prüfen, das Richtige in der Auswahl
dadurch zu treffen und den Fabrikanten eine
einwandfreie, deutliche Anschauung zu ermöglichen,
auch bei Bestellungen Mißverständnissen vorzubeugen
; eine kurze Beschreibung solle Angaben
über die technischen Eigenschaften der Farben, insbesondere
die Farbenechtheit enthalten.

Max Adolf Pfeiffer, Direktor der Schwarzberger
Werkstätten für Porzellankunst, beantragte, das Publikum
durch geeignete Maßnahmen überdie schwindelhaften
Angebote moderner Imitationen, besonders der
sogenannten Antiquitäten (etwa 90% seien Fälschungen
) aufzuklären; dadurch würde ein großes Kapital
für die moderne kunstgewerbliche Arbeit frei.

Auf Antragdes Geschäftsführers Dr. Dohrn wurde
eine Kommission zur Bearbeitung der Exportfragen
des deutschen Kunstgewerbes gebildet, um der Ausfuhr
deutscher Arbeit neue Wege zu eröffnen.

Die sich daran anschließende öffentliche Schlußsitzung
behandelte die Reform des Submissionswesens
. Ueber dies schwierige undgerade für die Gegenwart
außerordentlich wichtige Thema unterrichtete ein
Flugblatt, das die wesentlichen Punkte hervorhob.

Bei der am letzten Tage stattfindenden Besichtigung
der Ton-, Zement- und Kalkindustrie-Ausstellung
sprachen im Vortragssaal, anschließend an
die Führung, verchiedene Redner über >Die künstlerische
Verwendung neuer Baustoffe«. So Prof.
Bruno Möhring über Zement, Beton und Linoleum
. Karl Ernst Osthaus wies darauf hin,
daß auch das Eisen seinen Stil erst noch bekommen
müsse; einen Anfang erblicke er in
den Bauten von Peter Behrens für die Allgemeine
Elektrizität-Gesellschaft; das Eisen sei in
einer unkünstlerisch empfindenden Zeit Baumaterial
geworden und harre daher noch seiner ihm eigenartigen
Gestaltung. Dr. schäfer-Bremen wendete
sich gegen den mißbräuchlich verwandten Begriff
des Heimatschutzes, der oft verhindern wolle, daß
das Neue sich kräftig rege; als Beispiel führte er
die Gartenstadt bei Hagen i. W. an, wo im Auftrag
von Karl E. Osthaus van de Velde und Behrens
bauen, gegen die aus Heimatschutzgründen Front gemacht
werde. Geheimrat Muthesius nahm einen
objektiven, vermittelnden Standpunkt ein; er wies auf
den Nutzen des Heimatschutzverbandes hin, der der
breiten Masse ein Verständnis für die Eigenart mancher
Schönheiten der einheimischen Architektur
brächte; jedoch verwarf auch er die mißbräuchliche
Verwendung zugunsten einer rückschrittlichen Tendenz
und einer Unterbindung der neuen Ideen.

So gaben die mannigfaltigen Veranstaltungen Gelegenheit
, das Tätigkeitsgebiet des Werkbundes nach
allen Richtungen hin zu überblicken. Sie lieferten
den Beweis, daß er sich in reger Wirksamkeit entfaltet
und immer neue Interessen sich erobert.

Als nächster Ort für die Tagung des Werkbundes
wurde Dresden gewählt. Ernst Schur

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Herausgeber: H. BRUCKMANN. Für die Redaktion verantwortlich: L. DEUBNER. Druck und Verlag: F. BRUCKMANN A.-G.,

alle in München.


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