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JOSEPH WACKERLE-CHARLOTTEN BURG
MAJOLIKA-RELIEFS (vgl. seite 548)
ausführung: kgl. porzellanfabrik nymphenburg
ren sehr wohlgestaltet. Der energische Knick
in der Mitte zerlegt den Raum in zwei Hälften
und macht ihn dadurch „intim"; der fatale,
stimmungslose Hallencharakter gewisser Wirtshausfestbuden
ist auf diese Weise glücklich
ferngehalten. Das „Deutsche Weinhaus" ist
um einige Grade vornehmer, und ist bei der
Dekoration des „Münchner Hauses" immerhin
etwas von der genialischen Improvisation
Münchner Künstlerfaschingsfeste übrig geblieben
, so ist hier alles auf Solidität und Gediegenheit
gestellt. Es wurde mit ungemein
kostbarem Material gearbeitet: die Pfeiler und
die Wände bis zu Sockelhöhe sind mit Porzellanplatten
der Nymphenburger Manufaktur
verkleidet — der solchermaßen entstandene
koloristische Eindruck (ein sehr vornehmes
Rotbraun und ein warmes Grün herrschen vor)
ist im Verein mit den feinen Lichtreflexen
von bestrickendem Reiz. Den malerischen
Schmuck des Weinhauses dankt man dem
Münchner Max Obermayer, die dekorativen
Plastiken (lustig bunte Papageien) Joseph
Wackerle, der im Rahmen dieses Berichtes
schon des öfteren und bei den verschiedenartigsten
künstlerischen Funktionen zu nennen
war.
Durch die holländischen Gärten mit der
bunten Frühlingspracht ihrer Tulpen und Hyazinthen
schreitet man der Treppe zu, welche
zu der großen Terrasse vor der französischen
Galerie leitet. Dort oben, an die
Brüstung gelehnt, sieht man noch einmal zurück
auf den Komplex der deutschen Bauten;
er ist riesig — mögen Zahlen sprechen: nicht
weniger als 33 000 qm sind überbaut. Welche
Summe von Energie, von rastlosem Fleiß, von
Kunst und unverdrossenem Schaffen einer Nation
ist unter diesen wuchtigen Dächern vereinigt
. Man wird beinahe ein wenig Chauvinist
und ist auf jeden Fall sehr stolz. Denn man
kam ja der „Maßstäbe" wegen, die man nicht
finden konnte, und was man nun mit heimnimmt
, das ist der Eindruck eines nationalen
Ganzen. Es steht außer Frage, daß Deutschland
in Brüssel die Palme errungen hat. Darüber
dürfen wir uns freuen, aber wir wollen
nicht vergessen, daß dies den Deutschen im allgemeinen
und dem deutschen Kunstgewerbe
im besonderen keinesfalls erlaubt, auf den
Siegestrophäen auszuruhen. Diesmal ist der
Sieg leicht gewesen, aber unsere Konkurrenten
werden ihn uns künftig schwerer machen. Unermüdlich
weiterarbeiten — das soll die Lehre
dieses Sieges sein. Georg Jacob Wolf
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