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AUS DEN BERLINER KUNSTSALONS
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charles samuel büste der konigin
von belgien *s
Internationale Kunstausstellung Brüssel 1910
nicht erschöpfend. Vieles blieb unerwähnt. So
die fast lückenlose Sammlung französischer
moderner Medaillen, die verschiedentlich eingereihten
Architekturentwürfe und Skulpturen
des Auslandes, die graphische Kunst. Man wird
also trotz mancher Bedenken behaupten dürfen,
daß diese Ausstellung, zum mindesten für
belgische Verhältnisse, viel Gutes bietet.
AUS DEN BERLINER KUNSTSALONS
"Tver Schultesche Kunstsalon eröffnet die Winter-
saison mit einer Ausstellung, die an Reichhaltigkeit
nichts zu wünschen übrig läßt. Thoma und
Cottet, Claus und der Menzelpreiswettbewerb
und dazu eine Reihe jüngerer Künstler stehen auf
dem Programm. Aber leider werden die so hoch
gespannten Erwartungen nicht ganz befriedigt. An
Thoma-Ausstellungen war in letzter Zeit kein Mangel,
und es mußte schon etwas besonderes gebotenwerden,
sollte die neue Veranstaltung ein höheres Interesse
beanspruchen. Man sieht eine Reihe guter Bekannter
wieder, auch einige seltener gezeigte Arbeiten der
siebziger Jahre, eine Gesellschaft aus dem Jahre 1877,
die in der Stimmung der berühmten Landpartie des
Ungarn Szinyei-Merse nahe kommt. Auch malerisch
stehen die beiden Werke sich nahe. Sie sind getragen
von der Kultur einer Zeit, die uns heut als die
malerisch reifste Epoche des 19. Jahrhunderts erscheint
. Manches von Thomas späteren Arbeiten
erscheint problematisch nebendieser inderStimmung
ganz unbefangenen und rein aus der malerischen
Anschauung erwachsenen Wiedergabe eines künstlerischen
Erlebnisses, die später zuweilen durch
künstliche Stimmungsmache ersetzt ist. Im ganzen
wird man die Landschaften der späteren Zeit den
Figurenbildern vorziehen, und eine Ausstellung, die
den Hauptwert gerade auf die Kompositionen legt,
zeigt unserer Ueberzeugung nach nicht die besten
Seiten der Thomaschen Kunst.
Auch der beste Teil der Kunst Charles Cottets
entstammt der unter Courbets Zeichen stehenden
Epoche der siebziger Jahre. Aber daß Cottet nur
ein spät geborener Nachzügler jener reichen Zeit
ist, offenbart sich in der argen Sterilität seiner Kunst.
Denn die Entwicklung dieses Malers, der einmal
starke Hoffnungen geweckt hatte, führt zu bedenklicher
Verflachung. Die Aeußerlichkeiten des Courbetstiles
, die Schwere der Farbe, bleibt erhalten, aber
aller malerische Reichtum schwindet und macht unvornehmen
, plakatartigen Wirkungen Platz.
Reiner und sympathischer ist die Kunst des Belgiers
Emile Claus, dessen sonnig hellfarbige Bilder jedem
Ausstellungsbesucher wohlvertraut sind. Aber die
Gabe der Reichsten, die Entwicklungsfähigkeit über
einmal errungene Fähigkeiten hinaus, das stets neue
künstlerische Erleben, ist auch ihm versagt. Man
sieht neue Bilder von seiner Hand, aber man erlebt
nicht einen neuen künstlerischen Schaffensprozeß,
sondern die Anwendung eines wohlbekannten Darstellungsschemas
auf einen neuen Sonderfall.
Unter den jüngeren Künstlern, deren Bekanntschaft
die Ausstellung vermittelt, muß Julius Seyler
zuerst genannt werden, da der Ruf, der diesem Zügelschüler
aus München voranging, einige Erwartungen
erwecken konnte. Seyler gehört zu den schlechten
Schülern, die nur das Aeusserliche ihres Lehrers
aufnehmen, die die fertige Formel erlernen, anstatt
den Schaffensprozeß, der zu ihr führte, neu in sich
zu erleben. So entsteht eine Kunst des Handgelenks,
der es an jeder Ehrfurcht, jeder Vertiefung in das
Dasein fehlt. Darum tragen Seylers überbreite Pinselstriche
keinen Ausdruck, geht ihnen zugleich jede
Fähigkeit der Stoffbezeichnung ab.
Denselben Einwand muß man gegen die Kunst
des Brachtschülers, Alfred Liedtke,erheben. Auch
hier ist nur das handwerkliche vorhanden, die Seele
sucht man vergebens, und es ist kein Wunder, daß
dieser Künstler, der sich an der märkischen Landschaft
versucht, nicht imstande ist, die besondere
Tonstimmung seiner Motive, etwa des Schlosses
Sanssouci, zu finden.
Von bekannteren Künstlern sind schließlich noch
die Kollektionen von Linde-Walther und Hans
Herrmann zu erwähnen. Linde-Walther besitzt zweifellos
ein gutes Können, aber es mangelt ihm die
tiefere künstlerische Ueberzeugung. Er malt gefällige
Porträts mit entschiedenem Geschick und gutem
Geschmack, aber wenn er sich in einer Landschaft
in Cezannefarben versucht, so vermutet man auch
hierin nichts anderes als die gleiche Geschicklichkeit
, die sich nur einmal in der Wiedergabe eines
fremden, künstlerischen Erlebnisses gefällt.
Anspruchsloser gibt sich Hans Herrmanns Kunst,
die nicht mehr will als in sauberer Technik angenehme
Augenerlebnisse bildlich fixieren. Es ist
zu bedauern, daß solche Talente nicht der Illustration
zugeführt werden, die ein so unverhohlenes Interesse
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