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VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN
sen, die Augsburger Galerie in ihrem Bestand einer
gründlichen Säuberung zu unterziehen - - etwa so
wie der Gärtner den Wildwuchs beschneidet: alle
schwachen Stücke, die man gegenwärtig in Augsburgs
Galerie nicht eben selten findet, werden ins
Zentraldepot versetzt oder sie bleiben gerollt im
Augsburger Depot, die also gereinigte Galerie
aber soll in das erhalten gebliebene massive
Steingebäude der einstigen „Kunsthistorischen Ausstellung
" im Stadtgarten, wo weniger Feuergefahr
besteht als in den jetzigen Galerieräumen in der
alten Katharinenkirche, einziehen. Dort sind fünf
große Oberlichtsäle, welche die Sammlung samt der
geplanten Bereicherung bequem aufnehmen können,
außerdem sollen Kabinetts mit Seitenlicht zur Unterbringung
der kleineren Bilder geschaffen werden.
Als Ersatz für einige „Perlen", die vor Jahresfrist
in die Münchner Pinakothek gewandert sind, erhält
Augsburg eine kleine, sorgfältig gewählte Kollektion
moderner Gemälde, die zumeist den Beständen der
Neueren Pinakothek in München entnommen werden
sollen. Tschudi hofft, durch diese Maßnahme
belebend auf die moderne Kunstpflege in Augsburg
einzuwirken und die nicht eben sonderlich berühmte
Tätigkeit des Augsburger Kunstvereins durch Vorbild
und Beispiel auf ein höheres Niveau bringen
zu können. Bis es indessen soweit ist, daß sich
der Umzug betätigen läßt, wird der dezimierte Bestand
an Gemälden im alten Gebäude verbleiben,
doch kommt er durch bereits vollzogene Umhängungen
weit besser zur Geltung als bisher.
A/TÜNCHEN. Zwei Weimarer Künstler, ein be-
kannter und ein aufstrebender, haben sich zugleich
als Gäste bei uns eingefunden. In der
„Modernen Galerie" ist Ludwig von Hofmann zu
finden mit Bildern, die arkadischer Heiterkeit voll
sind, anmutsreich in Farbe und Bewegung, stark
dekorativ im Grundgedanken. W. Gallhof ist der
andere Weimarer; bei Brakl zeigt er uns in einer
c. von marr kaninchenstudie (pastell)
ersten Kollektivausstellung sein Werk, das turbulent
genug ist, aber in der energischen, kaum
bezähmbaren malerischen Kraft, die es kündet, ein
ähnlich starkes Temperament vermuten läßt, wie
es in Corinth und Slevogt steckt. Gallhofs Thema
ist das Weib, nicht das minniglich-sittige, nicht die
„teutsche frowe", sondern die Rassige, Heiße, die
Bestie. — Thematisch vollkommen interesselos ist
Christian Rohlfs' Kunst geworden. Auch er gehörte
einmal zu den Weimarern, und während dieser
Periode seiner Kunst zählte er zu denen, auf die
man mit großen Hoffnungen und in sicherer Erwartung
sah. Jetzt hat er sich wieder ins Gedränge
begeben und sich von großen modernen Franzosen
übermächtig beeinflussen lassen : der Effekt ist unangenehme
Kunstgewerblerei, ist eine Art Neoim-
pressionismus im Plakatstil. Auch Rohlfs zeigt seine
Werke in der „Modernen Galerie" — die Nachbarschaft
L. v. Hofmanns wird ihnen dort zu besonderem
Unglück. — Heinemann stellt u. a. eine ganze
Künstlerfamilie vor : es sind die Italiener Ciardi,
Vater, Sohn und Tochter. Das abgedroschene Thema
Venedig haben sie fein säuberlich unter sich aufgeteilt
und sie haben ihm wahrhaftig noch einige
neue Seiten abzugewinnen verstanden. Guglielmo
Ciardi, der Vater, malt stille Lagunen und allerlei
Architektonisches von der Art, wie sie Whistler (und
lange vorher Turner) so ausgesprochen malerisch
zu behandeln gewußt. Emma, seine Tochter, hat
sich in das venezianische Rokoko mit seinen Masken
und kräftigen Farben ä la Guardi und Longhi verliebt
, Beppe, der Sohn, aber malt die Landschaft
und das Rindvieh des Hinterlands der Lagune, er
riskiert indessen auch dann und wann einen Abstecher
nach Perugia oder irgendwohin ins Um-
brische... Im Kunstverein hat namentlich Pietzsch
mit seinen monumentalen Isartallandschaften wieder
einmal tiefen Eindruck gemacht, obwohl er uns nichts
Neues in Motiv oder Technik sagte; weniger konnte
mir diesmal eine landschaftliche Bilderserie des
idyllischen Rudolf Sieck gefallen, seine Aquarellmalerei
wird immer gobelinhafter, Luft und Licht
müßte er in breiteren Schwaden über seine Bildchen
ausgießen. Bliebe endlich noch die Kollektion des
aufstrebenden Claus Bergen zu erwähnen, der
etwas zu nahe an Bartels streift, als daß man ihm
das Prädikat der Originalität zuerkennen dürfte, der
aber unzweifelhaft ein ausgezeichneter Techniker
ist und es rein malerisch gewiß noch sehr weit
bringen wird.
MÜNCHEN. Die berühmte Sammlung A.W. von
Carstanjen, ein Fideikommißbesitz der bekannten
kölnischen Familie, ist aus dem Kaiser-
Friedrich-Museum in Berlin in die K. Aeltere Pinakothek
in München transferiert worden. Bode bedurfte
des Saales, in dem die Carstanjensche Sammlung
bisher aufgestellt war, um dort seine Rembrandts
geschlossen zeigen zu können, Tschudi aber ließ
sich die damit gebotene wertvolle Bereicherung seiner
Zentralgalerie nicht entgehen und brachte die
ihm gerne (und hoffentlich für dauernd) überlassene
Kollektion in dem ehemals den späten Deutschen
und Franzosen gewidmeten Saal und an zwei Wänden
des Seicentosaals zur Aufstellung. Die Kollektion
Carstanjen hat nicht nur einen hohen absoluten
Wert, denn unter den 49 Gemälden, bei denen die
Holländer überwiegen, sind nur sehr wenige, die
nicht von bester Klasse sind, sondern für die Münchner
Pinakothek im besonderen auch einen außer-
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