http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_23_1911/0323
AR ISTIDE MAILLOL
MÄDCHENBÜSTE
ARISTIDE MAILLOL
Von Leon Werth
An jenem Dezembertag lag der Himmel in
dicken Nebeln über Maillols Garten;
dann und wann nur drang ein Lichtstrahl
durch, schimmernd wie Perlenglanz. Die
steifen Baumzweige wirkten wie dünne Kohlenstriche
, mit zögernder Hand gegen den Horizont
gesetzt, und die mißfarbene Erde sah so
traurig aus, wie der schmutzige Himmel, der
auf uns niederhing.
Maillol kam aus seinem Atelier; er trug
eine Figur: eine nackte Frau, aufrechtstehend,
die Vorderarme zurückgebeugt, die Hände
gegen die Schultern gerichtet. In Holzschuhen,
mit kleinen Schritten, ging Maillol einher; er
wandte sich einer steinernen Säule zu, die
unter einem der kahlen Apfelbäume stand.
Seine Aeste standen vom graden Stamme ab,
in weit geschwungenem Bogen auseinanderstrebend
, wie lose Zweige in einer Vase. Dort,
unter die Zweige des Apfelbaumes, stellte
Maillol die Statue auf die Säule nieder.
Da schien es uns, als wüchsen Aepfel an
dem Baume; als herrsche die Figur über den
nebligen Dezembermorgen. Die Fülle reifen
Herbstes öffnete ihre Arme — die großen vollen
Arme mütterlicher Frauen — und verlöschte diesen
kümmerlichen, schüchternenWintersanfang.
Wohl hatte die Natur Kleid und Stimmung dieses
Tages schlecht gewählt. In fahlem Umriß
verlor sich der Garten, in feuchter Luft verschwamm
jede Gestalt. In Garten, Luft und
Landschaft aber übertrug diese Plastik ihre
eigene Bestimmtheit und Wahrheit. Ja gerade
durch den Kontrast drückte sie sich uns
stärker, klarer ein, als wenn wir sie in Fülle
und Frieden des Herbstes, in der Kraft des
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