Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 23. Band.1910
Seite: 317
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Ii

Unterdessen haben aber die Energien,
die aus dem unerschöpflichen Grunde der
Phantasie Gebilde um Gebilde hervorholen
und aus ihnen eine neue, imaginäre
Welt neben der realen schaffen, nicht geruht
. Sie waren nur etwas zur Seite gedrängt
. Und da ihnen Farben und Pinsel
verwehrt waren, so griffen sie zum Stift,
am liebsten aber zur Radiernadel, und
vertrauten dem Stein und besonders dem
Kupfer an, was an bunten Gesichten ihnen
offenbar wurde und was ans Licht drängte,
begierig, Gestalt von Menschen und Dingen
anzunehmen. So ist es gekommen, daß die
Graphik (soweit sie nicht selbst ähnlichen
Prinzipien wie die Malerei von heute folgt)
allmählich zu einer Zufluchtsstätte der verfemten
Idee und zu einem Schatzhaus all
der Kostbarkeiten einer schrankenlosen,
weltengebärenden Phantasie geworden ist,
die von jeher, seit den Tagen Albrecht
Dürers und schon früher, ein Spezifikum
und Charakteristikum der deutschen Kunst
gewesen ist. Das Fabulieren und Spintisieren
steckt dem Deutschen im Blut, und
Stift und Farbe schienen ihm stets, neben
der Feder, das geeignetste Mittel zur Fixierung
dessen, was er zur eigenen Freude
und zur Erbauung und Inspirierung der andern
aus der Tiefe seines Gemütes hervorholte
. Und es ist wohl anzunehmen,
daß dies auch so bleiben wird, solange es
eine Kunst geben wird, die den Namen
„Deutsch" wirklich und wahrhaft verdient.

Diese hohe Bedeutung, die die moderne
Graphik neben der Malerei aus den genannten
Gründen gewonnen hat und die
sich auch dem aufdrängen muß, der sich
nicht eingehender mit Graphik beschäftigt
hat, ist nun nicht etwa so zu verstehen,
daß wir in den radierten Blättern, die nicht
nur technisch erfreuen, sondern auch noch
etwas erzählen oder bedeuten wollen, verkümmerte
oder embryonale Bilder zu sehen
haben. Es gibt ja wohl Fälle, in denen es
gar nicht zweifelhaft sein kann, daß der
Künstler eigentlich hätte malen wollen, was
er zu sagen hatte, daß ihm aber die Scheu
vor dem verbotenen Bild mit Inhalt oder
ein mangelnder Auftrag etwa für ein Wandgemälde
die Radiernadel in die Hand gedrückt
hat. Zumeist aber sind diese Blätter
doch von Haus aus graphisch gedacht und
empfunden, und es ist eben lediglich nur
der erwähnte, unwiderstehliche Drang, aus
der Phantasie heraus zu gestalten, der die
Künstler zu Graphikern gemacht hat, während
sie doch vielleicht noch weit Bedeu-

ALOIS KOLB

SPHINX (RADIERUNG)

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