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AUS DEN WIENER KUNSTSALONS
AUS DEN WIENER KUNSTSALONS
]\/f it Gustav Klimt hat die Galerie Miethke eine
m Reihe von Sonderausstellungen jener Wiener
Künstler eröffnet, die man, als der Klimt-Gruppe
angehörig, seinerzeit in der „Kunstschau" vereinigt
gesehen hat. Für Wien waren die in Venedig schon
gezeigten Bilder Klimts neu, doch sind sie hier mit
einem Gefolge von zahlreichen Zeichnungen erschienen
, diesen subtilsten Aeußerungen eines nicht durchaus
, wie man oft meint, aufs Dekorative gerichteten
Temperaments. Dafür legten zwei Porträtstudien Zeugnis
ab, die sich frischweg als unmittelbare Erkenntnisse
des Geschauten geben; der Läuterungsprozeß
zum Stilisierten hin wurde aus anderenWerken stufenweise
klar, zumal aus den unvergleichlich schönen
Landschaften. Obwohl in Berlin tätig, wollte Emil
Orlik in diesem Kreise nicht fehlen. Er scheint
jetzt zu einer breiter zusammenfassenden Malweise
überzugehen, so technisch genau auch ein weiblicher
Akt durchgebildet sich darstellt. Neben dem
so vielfältig raffinierten Orlik wirkt Wilhelm Legler
in seiner ganzen ungesuchten Einfachheit, die er
sich auch den komplizierten Licht- und Farbenproblemen
gegenüber wahrt, wie sie ihm die Interieurs
aus dem Schloß Kirchberg an der Jagst
boten. Carl Moll hat seiner Meisterschaft nichts
hinzuzufügen; er bewährt sie an Motiven
aus Schönbrunn und von der
Hohen Warte sowie der angrenzenden
Umgebung Wiens. Festlich strahlt ein
von Moll gemalter „gedeckter Tisch"
mit seinem Glanz von Metall und Glas
nicht minder als ein Prachtraum des
Schönbrunner Schlosses, dessen Parkveduten
er außer in Oelbildern noch
in breit flächenhaften Holzschnitten festhält
. Für Max Kurzweil sind die Porträts
in ihrer eleganten, aber keineswegs
, auch nicht maltechnisch, gezierten
Haltung charakteristisch; so geradehin
, doch immer mit einer gewissen
Zurückhaltung, muten ebenfalls
die Ansichten von der Insel Arbe
an, mit ihren warmen Adria-Stimmun-
gen. Wichtig für das Wiener Kunstleben
ist es, daß die Galerie Miethke alljährlich
einmal den Ausblick auf historische
Größen der Kunst ermöglicht.
Heuer war es ein Dreigestirn, mit Corot
, von dem Figurales ebensogut wie
Landschaftliches zu sehen war, Dela-
croix, mächtig auch in den an Umfang
kleineren Ausbrüchen seiner Farbensinnlichkeit
, und Courbet, dessen
Erdennähe hier besonders sich geltend
machte. Augenblicklich behauptet Ce-
zanne den Platz, .'.mit hervorragenden
Werken, darunter dem Porträt seiner
Frau, die einen tiefen Einblick in sein
unerbittliches Wesen gestatten. — Unermüdlich
und in rascher Abfolge läßt
die Galerie Arnot ihre Veranstaltungen
einander folgen. Eine Humoristen-Aus-
stellang hat neue internationale Beiträge
zu dem auch völkerpsychologisch unterhaltenden
Thema gebracht. Viel zahmer
ging es in der Ausstellung des „Oesterreichischen
Künstlerbunds" zu, der ältere
wohlakkreditierte Mitglieder zu den
Seinen zählt, unter dem Nachwuchs jedoch in Oskar
Larsen ein bemerkenswertes Talent kennen gelehrt
hat. Ganz auf Luminismus gestellt ist die Begabung
von Fritzi Ulreich, die sich besonders durch die
originell aufgegriffenen Motive aus der Villa d'Este
auszeichnete. Mit Blumenstücken bewährte sich
Camilla Göbl, mit pastos und lebendig hingesetzten
Ansichten aus Dalmatien und Istrien Leo Litroff.
Nach den vielen Kollektiv-Ausstellungen eine viel-
tönige, „Die Wienerstadt", genannt; es ist Bekanntes
wieder zutage gefördert worden, wie die „Stimmungen
um den Stefansdom" von Otto Friedrich, und
frühe Bilder von Tina Blau überraschen uns;
Radierer wie Ludwig Michalek und G. von
Kempf bringen ihre im Strome der großen Ausstellungen
leicht untergehenden Blätter. — Im Salon
Pisko enfaltete Ada Töpffer-Stilke ihre vielgewandte
Begabung, und E. O. Braunthal schilderte
in einer ausführlichen Serie das Seebad Grado
und dessen Lagunenwelt. — Vom Kunstsalon Heller
wird eine Ausstellung der Berliner Pan-Presse
(Blätter in Radierung, Lithographie und Holzschnitt
u. a. von Barlach, Cissarz, Corinth, U. Hübner,
v. Kardorff, Lederer, Liebermann, Meid, Orlik,
Pechstein, Slevogt, Struck, Weiss, Wolfthorn) angekündigt
, so daß auch die demnächst zu besprechende
Graphik zu ihrem Recht kommt. k.
ettore tito
amazone
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