http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_23_1911/0421
DIE FRÜHJAHR AUSSTELLUNG DER MÜNCHNER „SECESSION"
ADOLF THOMANN
Frühjahr-Ausstellung der Münchner Secession
WALLISER TRAGSTIER
lerei fügte man die Graphik der Aelteren. Zügel
, Habermann, Samberger, Hayek, Heyden,
Diez und wie sie sonst noch heißen, die sich
für den Plan gewinnen ließen, kramten versteckte
Köstlichkeiten aus ihren Zeichenmappen,
und man lud wohl auch zuweilen einen illustren
Gast, wie Frank Brangwyn, zu diesen graphischen
Kollektivausstellungen ein.
Bei dieser Komposition der Frühjahrausstellungen
ist es im großen und ganzen geblieben.
Allerdings entzieht es sich dem Blick des
Kenners nicht, daß mit der heurigen Früh-
jahraustellung der „Secession" wieder so etwas
wie eine Veränderung der Marschroute sich ankündigt
. Einmal insoferne, als die graphischen
Kollektionen zum größten Teil von auswärtigen
Künstlern bestritten werden oder von solchen
Münchnern, die außerhalb des Verbandes und
der künstlerischen Richtung der „Secession"
stehen. Sodann aber, weil hinsichtlich der
malerischen Werke die Jury heuer von verblüffender
Liberalität gewesen ist. Sie hat um
etwa hundert Gemälde mehr aufgenommen als
sonst, hat neue Leute zu Wort kommen lassen
und die äußere und innere Repräsentanz der
Bilder weit weniger als sonst zum alleinigen
Wertmesser erhoben. Der Effekt ist ein durchaus
erfreulicher: es pulsiert wieder einmal frisches
Leben, wo wir sonst ein melancholisches Jung-
männertum zu finden gewohnt waren. Da es
gut so ist, so bin ich der Mühe überhoben,
den Gründen solcher Sinnesänderungen der
Secessions-Gewaltigen nachzuforschen. Daß
ein gewisses unbehagliches Gefühl, man könnte
durch übertrieben strenge Aufnahmebedingungen
der „Juryfreien" immer mehr Leute,
und vielleicht auch einmal ein paar Tüchtige,
in die Arme treiben, an dieser Sinnesänderung
sehr maßgebend beteiligt gewesen, scheint
mir absolut nicht ausgeschlossen.
Hält man unter den etwa dreihundert Gemälden
der Ausstellung Umschau, so begegnen
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