http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_23_1911/0433
DIE FRÜHJAHR AUSSTELLUNG DER MÜNCHNER „SECESSION
Linie auch hier und versteht nun mit einem
Mal, warum diese Landschaften so feiertäglich
und behaglich aussehen. — Auch Ren eReinicke
hat seinem künstlerischen Wesen nach mit
der „Secession" nichts zu tun. Seine eleganten
Typen haben für mich immer etwas Konventionelles
gehabt; Zeichnungen dagegen von der
Art des Blattes „Pfarrerund Bauernburschen",
lassen Reinicke als einen äußerst geschickten
und delikaten Zeichner erkennen. Mit
SchLütgens Skizzenblättern — das gestehe
ich offen — kann ich, im Gegensatz zu den
Bildern des Künstlers, nichts anfangen, ihr
Strich ist fahrig und ungraphisch, und erst
nach langem Suchen kristallisiert sich die
gültige Linie aus dem Striche-Chaos; bei
glänzenden Zeichnern (ich erinnere an Zügel,
von dem wir auch diesmal wieder ein Dutzend
prächtiger Blätter sehen) sitzt jeder Strich
von Anbeginn, und die Silhouette ihrer Zeichnungen
ist sauber und gibt einen Bildeindruck
. Auch Hodlers Zeichnungen können
mir nicht gefallen. Hier, wo die Monumentalität
fehlt, bleibt von Hodlers starker Kunst
nur ein schaler Rest, und sein Bestes ist
grotesk verzerrt . . . Liebermann, Corinth,
Orlik, die Kollwitz, Haug, Rossmann, Samberger
, Julius Diez : sie alle sagen uns mit
ihren graphischen Arbeiten nichts Neues, ihre
gestandene Kunst gibt keine Ueberraschungen
mehr. Dagegen erstaunt man über die dekorative
Farbigkeit, die Robert Engels in seine
szenarischen Skizzen legte, freut sich der
prächtigen Aktzeichnungen Hermann Groe-
bers (Abb. S. 364) und der starken Wirkung,
die Landenbergers lebensvoll modellierter
Kopf eines Bauernmädchens ausübt. Wolfsfeld
und Uhl bekunden reife graphische Technik
(Abb.S.369 und geg.S.361), Thiemann tut
sich mit einigen farbigen Holzschnitten hervor.
Uhl besonders scheint mir von den jüngeren
Münchner Graphikern einer der Zukunftsvollsten
zu sein, namentlich freue ich mich seiner
immer deutlicher zutage tretenden Hinkehr zur
Gegenständlichkeit, zur Natur. Er sieht heute
mit den Augen eines Stauffer-Bern die Dinge
an und rückt ihnen mit der nämlichen technischen
Akribie zu Leibe wie der große Schweizer.
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