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SCHEIN UND WIRKLICHKEIT IN DER KUNST
nicht einen Zoll länger sein, wenn der wunderbare
rhythmische Zusammenhang der Figurengruppen
gewahrt bleiben sollte. Die bekannte
Leda der Borghese-Galerie in Rom, eine auf
ein Leonardo'sches Vorbild zurückgehende Replik
von unbekannter Hand, zeigt ein unmögliches
Größenverhältnis zwischen der Figur und
dem Schwan, der aber erst so in seiner Rolle
als Liebhaber glaubhaft wird. Oder man denke
an den Idealismus der Auffassung, den die alte
Kunst bei der Behandlung des Kruzifixus entwickelt
! Und selbst der als krassester Realist
verschriene Matthias Grünewald schlägt der
Wahrheit mit unerhörter Künheit ins Gesicht,
indem er die Größenmasse seines am Holze
hängenden Dulders in das unnatürlich Gigantische
gegenüber den Begleitfiguren steigert,
ohne daß man diesen Wechsel im Maßstabe
doch als widernatürlich empfände. Mit Staunen
fühlt man nur, wie diese eine Figur alle andern
beherrscht, und erst die analysierende Verstandestätigkeit
erkennt als die Ursache derartiger
phänomenaler Wirkungen diese „Inkorrektheit
" der Wirklichkeit gegenüber. Welcher
unvoreingenommene Beschauer, der der herrlichen
Stuttgarter Iphigenie Feuerbachs gegenübertrat
, hätte wohl schon bemerkt, daß der
J. W. SCHÜLEIN
ARMELEUTEVIERTEL IN BRÜGGE
Frühjahr-Ausstellung der Münchner Secession
Figur tatsächlich das ganze linke Bein fehlt!
Oder wer wird es Meister Schwind als einen
„Fehler" anrechnen, daß er seine reizende
Schifferin der Schack-Galerie so auf die vorderste
Spitze ihres Nachens gestellt hat, daß
sie in Wirklichkeit das Fahrzeug sofort in den
Grund drücken müßte!
Diese Art von selbstverständlich anmutender
künstlerischer Vergewaltigung der natürlichen
Logik, die das Auge ganz naiv ohne weiteres
zu perzipieren gezwungen wird, hat Manet
seiner Komposition nicht mitzuteilen gewußt.
Und es heißt einen starren Formalismus proklamieren
, wenn man den Einwand, daß die Soldaten
ja Löcher in die Luft schießen, mit dem
Hinweis auf die Schönheit der Komposition
entkräften zu können meint. Wenn Manet
die unverkürzten Horizontalen der Flintenläufe
durchaus brauchte, so mußte er in den Figurengruppen
rücken. Wie wenn er nun unglücklicherweise
reine Vertikalen gebraucht hätte !
Würde Liebermann auch kerzengerade gen Himmel
gestreckte Gewehrläufe verteidigen? Und
hier liegt doch wirklich nur ein gradueller Unterschied
vor. Aber auch Manets Erschießung
Kaiser Maximilians bietet ein treffliches, wenngleich
meines Wissens nirgends bemerktes Beispiel
für die nicht
nur zulässige, sondern
im Interesse
der Bildwirkung
geradezu notwendige
Verschleierung
der wirklichen
Verhältnisse.
Sechs Leute legen
auf den Kaiser an,
aber nur drei
Flintenläufe bekommt
man zu
sehen.Sechs dicht
übereinanderge-
führte Parallelen
hätten eine richtungslose
Masse
ergeben, die ohne
Energie geblieben
wäre; um mit vollster
Prägnanz auszudrücken
, was
ausgedrückt werden
sollte, durften
esebennicht mehr
wie drei sein. So
sind es die unerbittlichen
Bringer
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