http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_23_1911/0471
VON AUSSTELLUNGEN — PERSONAL-NACHRICHTEN
ausstellung 1906 überhaupt erst entdeckt und bekannt
geworden. Ein fabelhaft elegantes Herrenbildnis
und ein paar lebensgroße Wildschweine
waren das erste, was man von ihm sah; was später
hinzukam, erweiterte den gewaltigen Eindruck, den
man von einem ganz ursprünglichen malerischen
Genie bekam, aber es zeigte ihn nicht von einer
wesentlich anderen Seite. Nun erwarb das Museum
ein Gemälde von ihm, das ihn als Meister höchster
Bewegung offenbart: zwei Reiter, die in jagendem
Galopp vor drohendem Gewitter flüchten, Staubwolken
hinter sich lassend. p. F. Schmidt
]WI ÜNCHEN. Seit uns Carl Strathmann vor etwa
sieben Jahren im alten Helbingschen Lokal unter
der Aegide der selig entschlafenen „Phalanx" seine
Werke vorwies, hat er sich, wieseine zurzeit im Kunstverein
ausgestellte große Kollektion zeigt, nicht weiter
entwickelt. Strathmanns Kunst ist ornamental-dekorativ
. Fast kunstgewerblich, denn wer seine Bilder
durch eingeschlagene Nägel mit Goldknöpfen in ihrer
künstlerischen Wirksamkeit zu erhöhen sucht, der
gehört doch eigentlich zu den „Angewandten". Dorthin
verweist ihn in mancher Hinsicht auch seine
spezialistische Detailbehandlung: mit der Zärtlichkeit
und Andacht eines Miniaturisten setzt er Perle
um Perle, Stein um Stein, peinlichst gemalte Stoffornamente
und komplizierteste Teppichmuster auf
seine Riesenleinwanden. Solche Aeußerlichkeiten
erschweren es uns indessen, über Strathmanns Kunst
ins reine zu kommen. Was er uns zeigt, das ist
halb Meisterwerk, halb Kitsch, und zuweilen beschleicht
einen das peinliche Gefühl, dieser Künstler
mache sichübersein Publikum lustig. Daß seine Kunst
zuweilen von wahrer Größe nicht weit entfernt ist,
und daß in seinen Bildern ein echter Zug zur Monumentalität
ist, das lehren Arbeiten wie das „Heraufziehende
Gewitter", die „Musikanten im Regen",
die anstürmende Schar verwegener Landsknechte
und fast alle Landschaften Strathmanns mit den
merkwürdigen gewirkten Blumenteppichen. Desto
entsetzter flieht man seine Akte, dieses unwahrscheinlich
bleierne oder milchige Fleisch, das er unter
allerlei mythologischen Vorwänden gemalt hat. Daß
er auch das besser und einleuchtender könnte, wenn
er wollte, darüber bin ich mir völlig im klaren —
warum er es aber ä tout prix nicht will, das ist
mir das große psychologische Rätsel. — Was der
maßvolle Zschille in seinen vornehmen, farbig
sehr kultivierten Bildern (in Brakls Moderner Kunsthandlung
) ausdrücken will, das leuchtet schon
viel allgemeiner ein: sein lebhaftes Naturgefühl bedient
sich der Form und Farbe, um sich Luft zu
machen — seine Bilder sind kraftvolle Landschaftsgedichte
. Wir sahen ähnliche Arbeiten von ihm
an der nämlichen Stelle vor Jahr und Tag und fühlten
uns damals, soweit Zschilles Palette in Frage kam,
einigermaßen an die koloristischen Symphonien der
„Scholle"-Künstler erinnert; irre ich nicht, so hat
sich Zschille mit seinen neuen Werken von dieser
leisen Beeinflussung gänzlich freigemacht. — Klein,
aber fein ist die Serie Angelo J ank'scher Gemälde,
die uns an gleicher Stelle geboten wird. Janks Pferdebilder
, seien sie sportlicher oder militärischer Natur,
strotzen von Leben: es ist Farben- und Sonnenfreude
und starke Bewegung in ihnen, und man geht kaum
fehl in der Annahme, Janks Beispiel werde eine neue
Sportmalerei heraufführen. Aehnlich ist's mit seiner
Militärmalerei. Eine Uniform erschien uns bisher
als eine herzlich unmalerische Sache. Jank indessen
versteht es, sie so korrekt als es in irgend einem
militärischen Reglement steht, wiederzugeben und
sie trotzdem in Ton und Farbe malerisch zu gestalten
, und da er das Soldatenbild seines genrehaften
oder historischen Charakters entkleidet,
indem er es zurückführt zur Wirklichkeit, macht
er es uns wieder annehmbar. Ein großes Selbstporträt
zeigt uns Janks Künstlerschaft von einer
weniger bekannten Seite: es ist ein Schuß ins
Schwarze. — Einem Porträtisten, der seine Meisterschaft
fast eifersüchtig vor der Oeffentlichkeit verbirgt
, hat die Galerie Heinemann eine Kollektion
geradezu abgezwungen und sich damit unbedingt
ein Verdienst erworben, denn wir sehen nun endlich
an etwa zwanzig Werken, wie einer unserer
besten Bildnismaler, Heinrich Knirr, im stillen
an seiner Kunst schafft und baut. Daß Knirr von
den Alten herkommt, daß er in Leibi und seinen
zeitgenössischen Freunden (allerdings aber auch in
Whistler) die Väter seiner Kunst zu ehren hat, ist
unverkennbar; er blieb aber nicht dabei stehen,
ihnen in ihrer ausgezeichneten Technik nachzustreben
, sondern hat mitdieser ein modernes, eigenes
Farbenempfinden und eine haarscharf sezierende
Psychologe Erkenntnis zu verbinden. Diese Elemente
verbürgen den Wert von Knirrs Kunst. - - Endlich
habe ich noch auf die schöne Kollektion von Eugen
Spiro in Thannhausen Moderner Galerie hinzuweisen
. Mehr als ein halbes Hundert seiner Gemälde
zeugt von des Künstlers Vielseitigkeit, dem
die Landschaft ebenso vertraut ist als das Bildnis,
ein Akt nicht weniger als ein Stilleben. Manches
dieser Bilder geht ein Jahrzehnt zurück, in die Zeit,
da Spiro kaum der Schule seines Meisters Franz
von Stuck entwachsen war und da seine Malerei
noch ein wenig kompakt und allzusehr im Ton verhalten
war. Zwischen damals und heute liegen ernste
Studienjahre in Paris, die den Künstler sehr gefördert
haben und denen er im besonderen eine Lok-
kerung seiner Malweise und eine außerordentliche
Bereicherung und Verfeinerung seiner Palette verdankt
, g. j. w.
PERSONAL-NACHRICHTEN
MÜNCHEN. Am 16. April ist hier im Alter von
1V1 Q4 Jahren der Maler Professor Josef Weiser,
Ehrenmitglied der Akademie der bildenden Künste,
gestorben. Bekannt wurde der Künstler, der an
der Münchener Akademie bei Diez studiert hatte,
in weiten Kreisen besonders durch sein Bild „Die
unterbrochene Trauung", das in vielen Reproduktionen
Verbreitung gefunden hat. Andere Bilder
sind: „Die letzte Zuflucht* in der Dresdner Galerie,
„Die streitende Kirche", „Nach dem Ueberfall",
(Kunstvereins - Galerie, München), „Klosterverteidigung
" usw.; in einer großen Reihe von Porträts
hat er treffende Charakteristik mit gutem Koloris-
mus zu verbinden gewußt.
W/IEN. Auf der Jubiläumsausstellung im Künstler-
™ haus Wien sind folgende Preise verteilt worden:
Große goldene Medaille Erzherzog Carl (höchste
Auszeichnung) an Professor Friedrich Klein-Cheva-
lier in Düsseldorf; Große Staatsmedaillen an John
Lavery in London, Professor Carlos Grethe in Stuttgart
; Kleine Staatsmedaillen u. a. an Professor Hans
Looschen in Berlin.
/GESTORBEN: in Stuttgart im Alter von 78 Jahren
der Historienmaler Karl Häberlin.
Redaktionsschluß: 25. April 1911 Ausgabe: 11. Mai 1911
Herausgeber: F. Schwärtz. Für die Redaktion verantwortlich: P. Kirchgraber. — Druck und Verlag von F. Bruckmann A.-G.
Sämtlich in München
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_23_1911/0471