Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 23. Band.1910
Seite: 514
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NOCHMALS DIE BISMARCKDENKMAL-KONKURRENZ

wirklich poetische Grundidee für sich einnehmend
, steht das Hahn-Bestelmeyersche Denkmal
doch durch seinen ausgesprochen lyrischen
Charakter mit der Gestalt des Helden,
wie sie im Volksbewußtsein lebt, in gewissem
Widerspruch. Dazu kommt, daß jede direkte
Beziehung zur Persönlichkeit Bismarcks fehlt,
so daß die Frage berechtigt ist, ob der Durchschnittsbesucher
angesichts des notorischen
Mangels an Phantasie, der den Deutschen
eigen, innerhalb dieser Dolmen (die doch auch
nur dem Hochgebildeten in ihrer Bedeutung bekannt
sind), und vor der halbnackten Jünglingsfigur
, jene seelische Stimmung zu finden vermöchte
, von der ergriffen zu werden er an
diesem Orte erwarten darf. Denn hierzu werden
die meisten entweder des Anblicks einer
Bismarck-Statue oder die symbolische Darstellung
Bismarckschen Geistes durch den Formcharakter
des Denkmals benötigen.

Andererseits haben gerade die vielen verfehlten
Versuche der Konkurrenz die absolute
Unmöglichkeit bewiesen, an diesem mehr
idyllisch wie heroischen Orte durch Häufung
kolossaler Steinmassen dem Charakter des
Gefeierten gerecht zu werden. Aber man
wird dann eben umsoweniger der Forderung
einer Bismarck-Statue eine gewisse Berechtigung
absprechen dürfen. Vom formalen
Standpunkt aus wird man verlangen, daß
nicht abermals, wenn auch in anderer Weise
wie bei dem Niederwald-Denkmal, die Fernwirkung
versagt. In der jetzigen Gestalt
scheint mir das Dolmenrund diese Garantie
nicht ganz zu bieten, zumal die Kronen der
vier Bäume, die im Innern stehen sollen
(eine Idee, die mit Recht so viel Anklang
gefunden hat), eine Schädigung der an sich
schon geringen Silhouettenwirkung durch
Unterbrechung der abschließenden Horizontale
des Gebälkes befürchten lassen. Dazu
kommt, daß die bereits projektierte mächtige
Eisenbahnbrücke Rüdesheim-Bingen die Größenwirkung
des Denkmals im Landschaftsbild
herabzudrücken geeignet erscheint. Aber ein
kräftiger Unterbau (auf den bis jetzt fast
völlig verzichtet ist), eine geringe Steigerung
aller Maße in der Richtung des sehr verwandten
, dem Empfinden des Schreibers fast
näherstehenden ausgezeichneten Entwurfes
von Pfann & Pfeifer (IV. Preis) könnte hier
korrigierend wirken. Auch bei der Statue
Jung-Siegfrieds wäre nochmals zu prüfen, ob
das im Oberschenkel wagrecht ausgestreckte,
im Knie einen rechten Winkel bildende rechte
Bein der fast 9m hohen Figur nichteinen genrehaften
unruhigen Eindruck machen muß. Im
übrigen kehrt die Idee des offenen Säulenoder
Pfeilerrundes nicht weniger wie zwölfmal
wieder, allein schon ein Beweis, wie sehr
diese durch die Landschaft gefordert war, zumal
gerade sie jede gedankliche Beziehung zu
Bismarck vermissen läßt und auf die Beigabe
einer Bismarck-Figur,drei Fälle ausgenommen,
verzichtet wurde. Meist nimmt die Mitte ein
Altar oder Feuerherd ein. Einer zeigt durch
besondere Darstellung den malerischen Effekt,
wenn in der Nacht die dunklen Silhouetten
der Pfeiler gegen die Glut des Feuers stehen.
Auch bei Tage beruht ein Hauptreiz dieser
Denkmale auf dem Durchscheinen des Himmels
zwischen den Steinmassen. Alles Lastende,
Drückende wird dadurch aufgehoben, wie es
auch der festlich heitere Charakter der Landschaft
gebieterisch verlangt. Nicht minder
bestimmend wird für die Wahl dieses Motivs
der Gedanke gewesen sein, daß man nach
Besteigen dieser Höhe mit dem einzigartigen
Panorama womöglich mit der Natur in Kontakt
bleiben, also nicht gern in geschlossene,
womöglich düstere Räume geführt werden
möchte. Man erinnere sich, welchen Stimmungswert
beim Niederwald-Denkmal der
gleichzeitige Blick von derTerrasse auf die Landschaft
hat. Von der gleichen Empfindung waren
die geleitet, die zu rechteckigen Säulen- oder
Pfeilerhallen auf der Höhe des Berges griffen.

Es schließen sich an die Bauten in geschlossener
Tempelform. Dabei ergibt sich die
Frage — namentlich der Bonatzsche Entwurf
regt dazu an ob die geradlinige Säulenreihe
und die aus- und einspringenden Ecken
dieser Bauten nicht einen durch den Gegensatz
wirksameren Abschluß der unbestimmt rundlichen
Form des Hügels bilden, als die kreisförmigen
Anordnungen ähnlicher Art. Geringe
Höhe und relativ große Breite, mit der
sie auf die Bergeskuppel gelagert erscheinen,
ist all diesen Bauten gemeinsam.

Daß das umgekehrte Prinzip, eine vorwiegende
Höhentendenz, auf diesem Platz, der
felsigen Spitze eines ziemlich steilen, aber
wenig massigen Hügels, von vornhetein verfehlt
ist, darf als sicheres Ergebnis der Konkurrenz
betrachtet werden. Ein Gang durch
die Abteilung der burgartigen Bauten genügt
auch, um sofort zu erkennen, wie unglücklich
sich diese im landschaftlichen Bild gerieren.
Dies gilt nicht minder für alle die riesigen,
obeliskenartigen Unterbauten von Reiter- und
anderen Statuen, die gleichfalls a limine abzuweisen
sind. Zu wünschen wäre nur, daß in

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