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KUNSTLERLEBEN DER SECHZIGER JAHRE AUF DEM LANDE UND IN DER STADT
OTTO GREINER
Aus der deutschen Ausstellung Rom 1911
das Dach schauten. In jeder dieser Kammern
ein Bett, Tisch, Stuhl und Waschtisch und was
sonst an absolut Nötigem dazu gehört. Hier
war das Reich der ledigen Maler, die „Bleikammern
", wie diese ihr Logement getauft
hatten. Unten, parterre, neben dem großen
Herrenzimmer, dem Luftschnapperzimmer, wie
es bezeichnet ward, kam man in ein kleineres,
schmäleres, von einer langen Tafel ausgefüllt.
Das war das Künstler-Eß- und Kneipzimmer,
durch allerhand Malereien und ein Künstlerwappen
über der Tür, auf dessen Rand ein
fideler Teufel saß, mit dem beigegebenen Motto:
„Pfui Teufel ist das Leben schön!" genügend
charakterisiert.
Viele vergnügte, sorglose Stunden habe ich
da verlebt! Da saßen wir dann, meist fünfzehn
bis zwanzig jüngere Leute, der Begriff „jung"
war freilich dehnbar und eigentlich mit „unbeweibt
" zu übersetzen, beim Mittagstisch und
abends nach getaner Arbeit frohgemut zusammen
, aufgelegt zu jedem Scherz.
Wenn es dann Zeit war, zur verdienten
Nachtruhe nach oben in den
Bleikammern zu verschwinden,
dann zündete die dicke Amalie,
des Hauses älteres Faktotum und
Kellnerin die zwanzig Kerzen, in
vorweltlichen, großen hölzernen
Leuchtern steckend, an und der
Fackelzug war fertig. Einer hinter
dem andern, jeder mit seinem brennenden
Licht in der Hand, ging es
durch das ganze Haus, wohin überall
, will ich gar nicht verraten, mit
dröhnendem Gesang, der versicherte
„Und so wollen wir durch das Leben
gehen, — so lang noch 3, 4, 5, 6
um uns stehen" und oben auf dem
Gang vor den Bleikammern „Wünsche
Ihnen wohl zu ruhen" usw., was
dann von manchem früher schlafen
gegangenen Gast als bittere Ironie
aufgefaßt ward. Der Sommer 1860
war ein Regensommer und derMaler
oft zur Untätigkeit verdammt. Die
Laune ist aber dadurch nicht beeinträchtigt
worden, eher das Gegenteil.
Im nahen Flinsbach spielte eine
richtige Schmiere schauerliche Tragödien
und Ritterstücke. Brannenburg
war mit seinen lustigen Malern
und sonstigen Gästen für den Herrn
Direktor und seine Truppe eine
Akquisition, welche eine außergewöhnliche
Einnahme versprach.
Die Einladung zum Besuch mit Beilage des
Zettels wiederholte sich mehrmals. Da ward
dann eines Abends der große Leiterwagen
des Wirts mit zwei starken Pferden bespannt.
Die ganze Brannenburger Künstlerschaft saß
oben drauf, zwischen sich alle Mädchen aus
dem Hause, die Wirtstöchter vor allem, darunter
das schöne Walperl im höchsten Staat, sie
alle waren von den Herren eingeladen worden
. Dicht saß man beieinander und konnte
sich kaum rühren. Im scharfen Trabe rasselte
das Fuhrwerk alsdann nach Flinsbach, am
Wirtshaus dort, gegenüber dem primitiven
Theater, vorfahrend. Die Schauspielertruppe
stand, schon halb in Kostüm, nur den Rock
übergeworfen, vor ihrem Tempel und empfing
die willkommenen Brannenburger Gäste mit
einer schmetternden Fanfare. Eine Schauspielerin
blies dabei die Trompete.
Die Brannenburger füllten die vordersten
Bänke des ersten Platzes. Tränen flössen frei-
ZEICHNUNG
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