http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_23_1911/0637
DIE GROSSE KUNSTAUSSTELLUNG DUSSELDORF 1911
den Figurenmalern der an die Akademie berufene
junge Wiener Karl Ederer ein und
gleich mit glänzendem Erfolge. Er füllt ein
ganzes Kabinett mit Bildern und Studien in
allen Techniken und gefällt ebenso durch seine
Vielseitigkeit wie durch die frische persönliche
Art seines Vortrags. Max Stern strebt
mit Zähigkeit nach Vereinfachung der Form
und Aufhellung der Palette. Die vier Bilder,
die er zeigt, darunter das Putzmacherinnen-
Atelier (Abb. S. 568) sind freudige Bekenntnisse
seines starken Wollens. Auch Josse
Goossens, der sich jetzt in München aufhält
, zeigt, daß er seine breite, schwere Strichführung
gelockert und weiter belebt hat. Ein
sehr ansprechendes und von feinem koloristischen
Geschmack zeugendes Kinderporträt( Abb.
S. 553) bringt Hermann Angermeyer und
Theodor Funck, der sich, nebenbei bemerkt,
letzthin auch mit Erfolg der Landschaftsmalerei
zugewandt hat, eine Dame, in schön ge-
R ICHARD VOGTS >® IM BLAUEN KLEID DER MUTTER
Große Kunstausstellung Düsseldorf 1911
stimmter grüner Toilette am Flügel (Abb. S. 554).
Mit figurenreichen Kompositionen, die ihre
Freude an hellen, lichten Tönen verraten, warten
Franz Kiederich und Hans Kohlschein
auf; ersterer mit einem fest und sicher gemalten
Bilde „Rentenempfänger" (Abb. S. 571),
letzterer mit einer Historie „1814" (Abb. S. 555)
und mit schönen Freilichtstudien. David Zacharias
hat mit „Simson und Delila" (Abb.
S. 556) einen kühnen Wurf gewagt und Alexander
Bertrand in seinen „Weißnäherinnen
" (Abb. S. 564) eine malerisch schwierige
Aufgabe mit anerkennenswertem Geschick gelöst
. Adolf Schönnenbeck, Gustav Marx,
Heinrich Reifferscheid, H. E. Pohle (Abb.
geg. S.553) und Wilhelm Schreuer zeigen sich
in ihrer bekannten Eigenart, ebenso Louis
Feldmann als der einzige religiöse Maler mit
einem gekreuzigten Christus (Abb. S. 575).
Adolf Maennchen ist nur mit Landschaftsstudien
vertreten, wie auch Albert Baur
diesmal stärker das Landschaftliche betont. Der
nach München übergesiedelte Robert Bönin-
ger verrät in dem großen Bilde „Abenddämmerung
" (Abb. S. 569) treffliche Absichten. Neben
diesen bekannten Namen sind nun mehrere
jüngere Künstler getreten, die, wenn auch nicht
durchweg Ausgeglichenes, so doch Ansätze zu
hoffnungsvoller Entwicklung erkennen lassen.
Der reifste unter ihnen ist wohl Robert Seuf-
fert, ein übersprudelndes Talent, von dessen
Vielseitigkeit religiöse Vorwürfe, Porträts und
Akte beachtenswerte Kunde geben. Wie er
zeigt sich auch Walter Heimig als geschmackvoller
Kolorist, sowohl in dem Porträt eines
jungen Mädchens, wie auch in dem auf wirkungsvolle
Silhouette herausgearbeiteten Temperabilde
„Die Begegnung" (Abb. S. 562). Max
Westfeld hat bei der „Manicure" (Abb. S. 563)
eine besonders glückliche Stunde gehabt, gemessen
und bedächtig dagegen erscheinen „Die
Schwestern" von Wilhelm Pippert, dessen
energischer malerischer Vortrag aber vieles
verspricht. Eine zum großen Stil berufene,
höchst beachtenswerte Begabung verrät Walter
Corde in Kartons, Zeichnungen und Illustrationen
. Man möchte ihm die Aufgabe und
die Wand wünschen, auf der er seine Befähigung
zum Monumentalmaler dokumentieren
kann. Ein stiller Träumer ist Hubert Ritzenhofen
, Mondscheinnächte und schlummernde
Täler sind ihm lieb, mit Menschen voll Seelenfrieden
schließt er seinen Pakt. Hans May und
Karl Schmitz - Pleiss streben ähnlich wie
Ritzenhofen eine alle Form in Dunst und
Aether auflösende Wirkung an, der sie auf
558
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_23_1911/0637