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KUNSTLERLEBEN DER SECHZIGER JAHRE AUF DEM LANDE UND IN DER STADT
GERHARD JANSSEN DER LETZTE GAST
Große Kunstausstellung Düsseldorf 1911
Napoleons, wie Kladderadatsch ihn darzustellen
pflegte, geläufig und dieser Napoleon war geradezu
beängstigend ähnlich. In elegantem
Frack und weißer Weste und Halsbinde, ein
breites, rotes Ordensband über der Brust und
den großen Stern an der linken Frackseite
stand er da in glänzenden Reitstiefeln, sogenannten
Kanonenstiefeln und weißen, ledernen
Hosen, die sich über einem artigen Bäuchlein
spannten, den Zylinderhut in der mit weißem
Glacehandschuh bedeckten Hand. Der Kopf
war zum Malen. Da war zwischen den schläfrig
blickenden Augen die gebogene Nase, in
die Stirne hing die straff gestrichene, dunkle
Haarlocke und der Zwickelbart mit den weit
abstehenden, gewichsten Schnurrbartspitzen
fehlte nicht. Man war nun fertig. „Er kommt!"
hieß es dann im Saal. Kladderadatsch bezeichnete
zu dieser Zeit Napoleon nur mit „Er".
Die Tür geht auf und unter Vorantritt zweier
Adjutanten erscheint Napoleon, hinter ihm eine
farbenglitzernde Suite. „Ah" und Stille, frappiertes
Erstaunen!
Langsam schreitet Napoleon-Ebert die Stufen
des Thrones hinauf und setzt den Hut auf,
die Generale zu beiden Seiten des Thrones.
Die Vorlesung der Thronrede beginnt, die zu
Dekorierenden werden aufgerufen und müssen
vortreten. Kniend empfangen sie die Auszeichnung
.
Nun teilen die Vereinsdiener Wachskerzen
aus und gehen voran, den Fackelzug führend,
Napoleon folgt, hinter ihm die eben Dekorierten
und die Suite und dann paarweise mit
brennenden Kerzen die ganze Gesellschaft.
So geht der Zug, von entsprechendem Gesang
begleitet, zwischen den Tischen durch bis an
die Türe, wo Napoleon mit seiner Begleitung
unter enthusiastischem Hoch sich verabschiedet.
Nun schwirrt es draußen im Saal, alles ist
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