Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 24. Band.1911
Seite: 52
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ERNST AUFSEESER-MÜNCHEN

stupider Jüngling, die holde Feenkönigin entbehrt
jeglichen Märchen- und Flittertandes, trägt
bloß eine hohe, rührend-kindliche Krone auf
dem dichten Haar und schaut ihren Esel verliebt
an. Hervorragend gelungen, als Zeichnung wie
als Stickerei ist der Maskenzug, der den toten
Prinz Karneval zu Grabe trägt. Man weiß nicht,
was hier erstaunlicher ist, ob der verschiedenartige
Ausdruck der Leichenträger oder des toten
Karnevals mit seiner Rübennase oder die Variationen
, mit denen die Nadel hier Umrisse,
Webart, Muster und Faltenfluß der Stoffe wiedergegeben
hat. — Wieder ein anderes Blatt zeigt
Scheherezade, die dem Kalifen ihre Märchen
erzählt. Wie ein listiges, vergnügtes Raubtier

ERNST AUFSEESER PIERROT UND COLOMBINE

FLOR-STICKEREI: BEGRÄBNIS DES PRINZEN KARNEVAL

sitzt der Kalif da und lauscht den Worten der
Rhapsodin, die mit jeder neuen Geschichte
ihr Leben verlängert. Listig sieht auch sie aus,
aber um ihren gerade gezogenen Mund spielt das
Lächeln der Frau, die sich ihres Sieges bewußt
ist und die kleine Geste, mit der sie die Hand
erläuternd gegen den Allmächtigen ausstreckt,
hat schon etwas von der Überwinderin und
Gebieterin. Von einem Sternenhimmel, an
dem die Mondsichel in schönem Bogen steht,
hebt sich das Märchenpaar ab. Und obwohl
nur ein Zweiklang von Weiß Erscheinungen
und Situationen illustriert, so meint man doch,
eine schwüle, blaue Sommernacht zu spüren.

Märchenzauber anderer Art wird dann in
den „Heiligen Drei Königen" lebendig. Wie
Kaspar, Melchior und Balthasar da vor uns
stehen, in steifen, köstlich gemusterten Gewändern
,Turbane oder hermelinumhüllte Kronen
auf den Häuptern, mit kindlichen Gebärden
Weihgeschenke darbietend, könnten sie direkt
aus irgend einem klösterlichen Inkunabel oder
einer alten Heiligenlegende herausspaziert sein.
Hauptsächlich derMohrenfürst mit seinen weißen
Kugelaugen und seinem Stern ist komisch und
rührend zugleich.

In zartfließender Bewegung erscheint eine
altvertraute Gestalt aus französischer und deutscher
Sage: Melusine. Ganz meisterhaft hat
Aufseeser es hier verstanden, durch Zeichnung
und Flortechnik das Gleißende, Fischmäßige der
schönen Märchenfrau zum Ausdruck zu bringen.
Wie sie da kniet, mit zurückgestreckten Armen
und wogendem Haar, scheint sie nicht nur ein
menschlich Wesen, dem böser Zauber einen
Fischschwanz angehext hat, nein, sie ist ein
Geschöpf der Woge, gleicht mit ihrem abge-

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