http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_24_1911/0076
ERNST AUFSEESER
KALENDERBILDER
wohlverpackter Schelm auf Schlittschuhen und
mit einem großen Muff, ist von etlichen wirbelnden
Sternchen begleitet, deren makelloses
Weiß auf dem weißen Mull mit den einfachsten
Mitteln eine winterliche Illusion vortäuscht.
Neben seinen Stickereien hat Aufseeser auch
eine Anzahl von Schwarz-Weißentwürfen gefertigt
, die ebenfalls ob ihrer Ausdrucksfähigkeit
und ihrer anmutigen Einfachheit Beachtung
verdienen. Die „Illustrationen zu einem Kalender
" erinnern an englische Vorbilder, ohne in
die gezierte Süßlichkeit zu verfallen, für die
man jenseits des Kanals mitunter schwärmt.
Wie anmutig und natürlich ist z. B. die Bewegung
, mit der die hübsche Dame „November"
ihren Muff an die Wange preßt, oder Fräulein
„März" im winddurchwehten Kleid ausschreitet
und ihren bebänderten Hut festhält!
Eine kleine Schwarz-Weißgalerie für sich
bildet dann ein mit Vogelmotiven illustriertes
Alphabet. Es ist geradezu erstaunlich, wieviel
Ausdruck, wieviel Seele, Psychologie und
Humor hier in Vogelgesichtern festgehalten ist.
Da sind Spatzen, frech und fidel, neben biederen
Pelikanen, pfiffige Amseln neben satt zufriedenen
Tauben, zänkische Papageien und schlaue
Wiedehopfe mit Schlitzaugen und fliehenden
Schöpfen . .
Diese Gabe, den Humor im Tier zu finden
und zum Ausdruck zu bringen, ist bei Aufseeser
so stark, daß man wünscht, ihm auch
auf diesem Gebiet weiter arbeiten zu sehen.
Die Florstickereien aus seinem Atelier werden
wohl ohnehin ihren Weg machen, nicht nur
weil sie schön sind, sondern auch, weil ihr
diskretes Wesen sich in behaglichen Wohnzimmern
ebenso vorteilhaft ausnehmen wird,
wie in Prunkräumen. Carry Brachvogel
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