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KARL BERTSCH-MÜNCHEN
SCHRANK AUS DEM SCHLAFZIMMER
der hochbegabte Bremer Rudolf A. Schröder
schafft in diesem Sinne, und als im letzten
Winter in Berlin das neue Haus von Keller
& Reiner seine Pforten öffnete, da war wohl
für viele der Raum von Peter Behrens die
größte Ueberraschung: auch hier nicht mehr die
reine Abstraktheit der Verhältnisse, sondern
ein deutliches Hinneigen zu der Antike, wie
sie Schinkel sah.
Nicht wenige verfolgen die Fortschritte dieser
Bewegung mit Besorgnis und sehen in ihr eine
Gefahr für die mühsam erworbene Selbstständigkeit
der Zeit. Aber vielleicht ist diese
Bewegung nötig: sie kommt den Bedürfnissen
aller derjenigen entgegen, die in einem „modern"
eingerichteten Zimmer zu sehr die Persönlichkeit
des Künstlers fühlten. Je mehr Anlehnung
an die Vergangenheit, desto mehr tritt diese
Persönlichkeit zurück. Sicherlich ist diese
Bewegung noch nicht zur Reife gediehen. Das
Heil wird in der Mitte liegen, und dahin scheint
mir das Münchener Kunstgewerbe, wenn auch
auf verschiedenen Wegen, zu streben: zur
Schaffung eines wahrhaft stilvollen Möbels,
das unpersönlich aber reizvoll, anspruchlos
als selbständige Existenz, aber allen Geschmacksansprüchen
genügend, nur den Rahmen für
das häusliche Leben abgibt. Dahin streben
die Künstler der „Deutschen Werkstätten",
dahin auch die obengenannten „Stilisten", dahin
vor allem auch die Jüngeren, die, ohne viel
Aufhebens zu machen, seit einigen Jahren im
Kunstgewerbe arbeiten, wie Richard Berndl,
Paul Wenz, K. Jaeger, Otto Baur u. a.
Auf diesem Weg liegt nun auch die Aufgabe
, die mir heute beinahe die brennendste
zu sein scheint, deren Lösung den Beweis
erbringt, daß das Ziel erreicht ist: ich
meine das Problem des Einzelmöbels. Bis
jetzt hat sich das neue Kunstgewerbe fast ausschließlich
mit der Ausgestaltung ganzer Zimmer
abgegeben. Dadurch hat es seinen Wirkungskreis
selbst eingeengt — denn abgesehen von
äußeren Gründen will eben nicht jeder die
Einrichtung eines ganzen Zimmers durch einen
andern festlegen lassen. Das einzelne Möbel
muß wieder so werden, daß es zu seiner
Wirkung nicht der Ergänzung durch die dazugehörigen
Stücke bedarf, daß seine allgemein
gehaltene Schönheit sich harmonisch auch zu
andern Möbeln fügt. Dann ist der Sieg des
neuen Kunstgewerbes erst vollkommen. Und
dazu scheint mir gerade München auf dem
rechten Weg zu sein.
W. Riezler
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