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bisher die in den freien Abendstunden abgehaltenen
Meister- und Gehilfenkurse. Diese
Einrichtung wurde insofern abgeändert, als an
ihre Stelle die „offenen Zeichensäle" gesetzt
wurden. Hieherkommen jene Kunsthandwerker,
die sich im Hinblick auf einen ihnen gewordenen
Auftrag unterrichten oder für die hier angefertigten
Entwürfe, ihre Ausführbarkeit und ihre
künstlerische Form, sich durch die dazu bestellten
Lehrkräfte Professor Otto Prut-
scher und Karl Witzmann — beraten lassen
wollen. Es ist damit keinerlei Verpflichtung
den Unterweisung Suchenden auferlegt, es ist
auch niemand dazu angehalten, seinen Namen
zu nennen, so daß volle Freizügigkeit herrscht.
Obwohl nicht streng zum Thema gehörig, seien
immerhin im Anschluß an die neu gestalteten
„offenen Zeichensäle" jene erwähnt, die, schon
im Vorjahr bewährt, dem Aktzeichnen gewidmet
sind. Daran kann sich jedermann beteiligen,
der sich gegen eine wochenweise zu zahlende
geringe Gebühr einschreiben läßt, wobei nicht
unbemerkt bleiben soll, daß, wer es nicht ernst
l. WEBER B SCHRÄNKCHEN AUS EINEM SPEISEZIMMER
Ausführung: Andreas Weber, Kunsttischler, Wien
mit der Sache nahm, bald von selbst ausblieb.
Was einmal gesund demokratisch gedacht und
angelegt ist, regelt sich eben fürderhin aufs
beste aus dem eigenen, nicht mißleiteten Sinn.
Die Brücke nun von den Schaffenden, den
geistig daran Beteiligten und den eigentlichen
Produzenten, zu dem Publikum schlägt die Ausstellung
. Sie wird gewiß, so wie sie entstanden
und ausgebildet worden ist, sich als förderlich
zeigen, auch für den Export, der auf verschiedenen
Gebieten schon angebahnt ist und weiterhin
noch ausgebaut werden muß. Die Hauptsache
aber bleibt zunächst, daß das moderne
Kunstgewerbe im Lande selbst immer mehr an
Boden bei den Konsumenten gewinnt. Endlich
bekehren sich zu ihm auch Gesellschaftskreise,
die ausGewohnheit oder auf Grund ihrer stolzen
Tradition früher nur für die althergebrachten
Stile, wenn sie auch den jetzigen Lebensformen
widersprachen, oder für heuchelnde Surrogate
zu haben waren. Zum rein ästhetischen Genuß
ladet schon der Hauptraum ein, den Otto
Prutscher durch Einbauten achteckig gestaltet
hat. Die großen weißen Felder der Wände werden
durch Teppiche belebt, die Türen erscheinen
in eine graugrünliche Stoffbespannung eingeschnitten
, die ebenso wie die einsäumenden
Borten auf den Sockeln der Vitrinen wiederkehrt
. An den Rand des Saales ist die Kleinplastik
gerückt, in vornehmer Patina die Bronzen
von Barwig, die bunte keramische Welt von
Powolny uud Löffler, denen jetzt soviele
nacheifern, mit einem schlichteren Gehaben
Franz und Emilie Schleiss in ihrer Gmun-
dener Werkstatt, dann Hugo F. Kirsch sowie
Emil und Johanna Meier. Glas, Edelmetalle
und Schmuck, Porzellan, Steingut und,
im Rang nicht zuletzt stehend, emaillierte Kostbarkeiten
bilden ein Reich für sich, in dessen
einzelnen Provinzen sich manche technische
Neuerung findet. So bringt Lobmeyr außer
seinen wasserklaren Kristallgläsern in neuen
Formen zum ersten Male Gegenstände mit
Metallreduktion, deren Wiedergabe durch die
Abbildung leider kaum etwas ahnen läßt von
dem eigentümlichen Charakter der auf blauem
Grunde wie Moosachat erscheinenden Zeichnung
, wie sie durch chemische Prozesse an
die Oberfläche getriebene Metalloxyde hervorrufen
. Das ist nur ein Beispiel für die vielfältigen
Erzeugnisse der Glashütten in Böhmen,
das auch durch seine vielen Fachschulen die
Ausstellung reich beschickt hat.
Die 26 Interieurs bilden einen Ring um die
Einzel-Darbietungen, der Abwechslung nicht
ermangelnd, da außer den im Gemeinsinn zweckdienlichen
Zimmern auch Phantasieräume zugelassen
wurden, wie der kühl elegante Gaben-
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