http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_24_1911/0313
Die Erstarrung und der Verfall der Konvention
haben dahin geführt, daß man heute
als konventionell nur eine schlechte Sache bezeichnet
. Als die Eleganz anfing, immer häufiger
in Verbindung mit Geistesleere und Gedankenarmut
einherzuschreiten, verlor auch sie
ihren guten Ruf. Nicht anders verhält es sich
schließlich mit dem guten Ton: gar mancher
würde es als eine schwere Kränkung empfinden
, wenn man von ihm ein bestimmtes Verhalten
deshalb erwarten wollte, weil es dem
„guten Ton" entspricht.
Der Individualismus hat also auch im Geselligkeitsleben
gesiegt. Der moderne Mensch
lehnt es ab, seine Lebensführung anders als
auf Grund der eigenen Erkenntnisse einzurichten
; er hat infolgedessen auch keine Neigung
, die äußere Form dieses Lebens und sein
Benehmen unter Menschen ausschließlich nach
gesellschaftlich allgemein anerkannten Regeln
zu gestalten. Notwendigerweise mußte dieser
Individualismus zum Verfall der Geselligkeit
führen. Zugunsten einer höheren Sittlichkeit
fielen die ästhetischen Gesetze, welche dem
Gesellschaftsleben Ausdruck und Form verliehen
hatten.
So kamen wir in eine Zeit hinein, in der
Großvater und Großmutter bei den Tänzen
der jungen Generation wehmütig sich das Menuett
der eigenen Brautzeit zu vergegenwärtigen
suchten. Was sie von der Geselligkeit
der Enkel sahen, mußte ihnen wie Anarchie
erscheinen, und sie dachten an die Zeit der
eigenen Spiele, Tänze und Feste zurück mit
jener Trauer, mit der vor hundert Jahren die
deutschen Dichter der Götter Griechenlands
gedachten.
Daß bei dieser Wandlung ästhetische Werte
über Bord gingen, das machte sie verhängnisvoll
für die künstlerische Entwicklung unserer
Zeit. Naturgemäß mußte die neue Lebensauffassung
auch in der Gestaltung des häuslichen
Lebens und in der Wohnung zum Ausdruck
kommen. Wozu brauchte man noch den typischen
Salon, wenn jede Hausfrau so empfangen
konnte, wie es zu ihrem persönlichen Stil
paßte? Wozu hergebrachte Stuhlformen, wenn
man sitzen durfte, wie man wollte? Das „Eigenkleid
", das sich der Mode entgegenstellte,
wagte sogar den Kampf mit dem letzten und
stärksten Bollwerk der Konvention.
Die Kunst, das ist das Merkwürdigste an
diesem Vorgang, revoltierte nicht. Ganz im
Gegenteil, sie wurde zum Träger der neuen
Bewegung und schuf das einzigartige Beispiel
einer künstlerischen Entwicklung, die nicht mit
ästhetischen, sondern mit sittlichen Argumenten
für ihre Ziele zu werben anfing. Der
Künstler wurde zum Anwalt der neuen Sittlichkeit
. Weit entfernt davon, den „guten Ton"
als ein ästhetisches Gesetz anzuerkennen, sah
er in ihm einen Verführer zur Heuchelei und
Unwahrheit, dem er mit den Forderungen der
Sachlichkeit und Zweckmäßigkeit entgegentrat.
Wenn die Vorkämpfer einer sachlichen und
gesellschaftlichen Aufrichtigkeit auch nicht so
weit gingen, daß sie vorschlugen, jeder Regung
von Müdigkeit, Langeweile oder satter Behaglichkeit
rückhaltlos Ausdruck zu geben, so
wollten sie doch den Gesetzen, die uns an der
Aeußerung jeder augenblicklichen Laune hin^
dern, keinen Einfluß auf die Gestaltung unserer
Umgebung einräumen. Daß beispielsweise
„in der Form des Stuhles seine Funktion
Dekorative Kunst. XIV. 6. März 1911.
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