Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 24. Band.1911
Seite: 522
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DIE VIERTE TAGUNG DES DEUTSCHEN WERKBUNDES

er Werkbund hat es nicht ganz
leicht. Der Zentralverband deutscher
Industrieller, der Bund
deutscher Bodenreformer oder
die Kunstgewerbevereine können
in ihren Vereinszwecken nicht
gut mißverstanden werden. Beim Werkbunde
aber ist nicht nur das Mißverständnis seiner
Absichten in weiteren Kreisen permanent, sondern
auch das Mißtrauen in seine Daseinsberechtigung
, in seine Arbeitsfähigkeit muß
immer aufs neue bekämpft werden. Was stellt
sich der Mensch aus dem Durchschnitt unter
dem Programmworte von der „Durchgeistigung
der deutschen Arbeit" eigentlich vor? Es
wäre ein Graus, wenn man die Antworten bei
Licht besähe, die mißtrauischen Antworten,
die etwa davon ausgehen, daß der Werkbund
so etwas wie ein Verein von „Werkmeistern"
sei! Versucht man nun, wie ich es wiederholt
und gerade anläßlich dieser Tagung versucht
habe, dem harmlosen Zeitgenossen mit
wenig Worten zu sagen, was der Werkbund
ist und was er tut, so merkt man bald, daß
hierzu die wenigen Worte nicht ausreichen,
daß man einen kleinen Vortrag halten muß,
weil es an volkstümlichen Schlagworten für
den Bund mangelt. Er vertritt die Interessen
des guten Geschmacks, nun ja, aber was ist
guter Geschmack? Die Bodenreformer haben
gut Bodenpolitik treiben, denn den Terrainspekulanten
spürt jeder zweite Mensch am
eigenen Geldbeutel. Die Werkbündler, die Geschmackspolitik
treiben wollen mit Erzeugern,
Vermittlern und Verbrauchern zugleich, die
das bewegliche wie das unbewegliche Erzeugnis
, das Haus wie den Reisekoffer, in den
Kreis ihrer Qualitätsarbeit ziehen, leiden an
der Uferlosigkeit ihres Programms. Und deshalb
müssen sie immer wieder kostbare Kraft
ausgeben, um auf ihren Tagungen der breiteren
Oeffentlichkeit einen möglichst faßbaren Sammelbegriff
zu bieten für das, was sie wollen.

Auch das ist nicht ganz leicht. Diesmal
hatte Hermann Muthesius die Frage zu beantworten
: „Wo stehen wi r?" Und es war
im Grunde natürlich, daß sich ihm, dem Architekten
, die Antwort wesentlich daraufhin
zuspitzte, festzustellen, wo heute der moderne
deutsche Baumeister steht, dessen Arbeit ja
einen sehr wesentlichen Teil der Werkbundarbeit
ausmacht, aber doch nicht gleichbedeutend
ist mit ihr. Er sprach von den Spezial-
aufgaben, die eine jede Zeit herausbilde, gab

einen historischen Exkurs, wie im 19. Jahrhundert
die Form als Schatz der poetischen
und religiösen Vorstellungen künstlerisch gesunken
sei, erinnerte an Sempers vernichtendes
Urteil über die Kunstformen der gebildeten
Nationen auf der Londoner Weltausstellung
1851. Inzwischen sei zwar für Deutschland
die Prophezeiung des Rembrandt-Deut-
schen eingetroffen, wir haben ein künstlerisches
Zeitalter, haben tüchtige Kräfte, brauchbare
Resultate zur Genüge, aber „über den
Berg" sei man noch nicht. Denn es fehle
am rechten Gebrauch der neuerworbenen Kraft.
Das bürgerliche Bekenntnis der neuen Kunst
erscheine den reichen Leuten, der Aristokratie,
nicht recht passend und im Grunde unheimlich
. Eine neue Tradition sei im Kerne vorhanden
, doch noch nicht deutlich erkennbar.
Das Ausland sei nicht überzeugt, im Inlande
herrsche die Antiquitätenjagd. Aufgabe des
Werkbundes müsse die Wiedererweckung des
Verständnisses für die Form sein. Dafür sei
Grundbedingung eine architektonische Kultur.
Wir haben sie nicht, solange der Deutsche
der üblen Gewohnheit folge, beim Bauwerk
geringere Ansprüche auf Gediegenheit der Form
zu erheben als z. B. bei der Männertracht.
Der Herrenschneider werde nach Qualität geschätzt
und beauftragt, der Architekt nicht.

Die Abhilfe müsse nach zwei Seiten einsetzen
: durch die bessere Erziehung des baukünstlerischen
Nachwuchses und durch Wek-
kung des Verständnisses im Publikum. Die
technischen Hochschulen wirkten leider mehr
im Sinne einer Erziehung von Räten vierter
Klasse anstatt von Baukünstlern erster Klasse.
Im Publikum habe der Gedanke des Heimatschutzes
weitere Kreise architektonisch interessiert
, diese Teilnahme sollte erweitert und
verstärkt werden zur Anerkennung wahrhaft
künstlerischen Neuschaffens. Es seien jetzt
etwa 15 Jahre seit der Entdeckung der Biedermeierzeit
verflossen, eine kritische Wende kündige
sich an: die Dinge um 1850 ringen an,
amüsant zu erscheinen und imitiert zu werden,
dieselben Dinge, die Semper so scharf als
ästhetisch minderwertig bezeichnet hatte. Es
herrsche Varietestimmung. In Malerei und
Plastik sei der Impressionismus zu einem Ende
gekommen, sein Uebergreifen auf die Baukunst
müsse abgewehrt werden. Denn : die Wiedergewinnung
einer architektonischen Kultur sei
die Grundbedingung für eine Wiedergeburt der
Künste überhaupt.

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