Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 24. Band.1911
Seite: 523
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_24_1911/0608
An diesen trotz einer gewissen Einseitigkeit
recht konzentrierten und gedankenvollen Vortrag
knüpfte am nächsten Tage die öffentliche
„Disputation über ästhetische Fragen der Gegenwart
" zum guten Teile an. Es kam nicht
viel dabei heraus; wie zumeist bei allgemein
gehaltenen ästhetischen Debatten. Immerhin
konnte man zwei Inseln im Meere der Wechselreden
unterscheiden. Die Frage nach den
Grenzen des Heimatschutzes, die schon im
Vorjahre gestellt worden war, wurde eingehend
und überwiegend dahin beantwortet, daß kein
Gegensatz zwischen Werkbund und Heimatschutz
bestehe, und daß es gefährlich sei, ihn
künstlich zu schaffen. Die Grundsätze des
Heimatschutzes, in die moderne Baupraxis
übertragen, eröffneten eine unentbehrliche ästhetische
Richtlinie für all die zahlreichen Baumeister
, von denen man wohl ein solides Handwerk
, nicht aber eine selbstschöpferische Kunst
verlangen könne.

Dies Argument schlug ein. Es erschöpft
die Streitfrage aber nicht. Denn es handelt
sich hier doch wohl nicht darum, nachzuweisen,
daß der Bund Heimatschutz irgend eine ausgesprochen
moderne Bauschöpfung „verhindert
" habe, — das hat er natürlich nicht getan
— sondern die Frage lautet: inwieweit
stehen die konservativen und präservativen
Gedanken des Heimatschutzes der Entwicklung
baukünstlerischen Neuschaffens hindernd
im Wege? Nach meinem Eindrucke tun sie
das sogar bei sehr angesehenen Mitgliedern
des Werkbundes selbst, um wieviel mehr noch
innerhalb jener kompakten Majorität von Laien,
die in den Kommissionen unsrer Stadtgemeinden
das Urteil über neue Projekte fällen, oder
die als private Auftraggeber die Ideen des
Architekten mehr oder weniger hilflos mit dem
Maßstab einer „Heimatkunst" messen, die sie
einstweilen selber nicht recht verstehen. Aber
sie ist Mode, die heimatliche Bauweise, sie
gibt dem, der sie vertritt, fast den Nimbus
des Fortschrittlers. Dieser Irrtum muß dem
wirklichen Fortschreiten verhängnisvoll werden;
er i s t es schon geworden, und darum scheint mir
eine Betonung dieser Gefahr mindestens ebenso
wichtig, nein, heute sogar schon notwendiger,
als eine Warnung vor Mißverständnissen zwischen
zwei Verbündeten, die Heimatschutz- und
Werkbund ja ganz gewiß in vielen Fällen sind.

Weiterhin war die Erziehung der technischen
Hochschüler zur Baukunst Gegenstand ausgedehnter
Debatten. Der Lehrplan, von oben
diktiert, verlange zuviel Wissenschaft und zuwenig
Kunst; der Staat möge zwischen Künstlern
und Baubeamten unterscheiden und den
Examenszwang beseitigen. Muthesius faßte

zusammen: auf die Baulehre käme es bei den
jungen Leuten an, und der bewußte Lehrplan
für „alles, was der Mensch im späteren Leben
braucht", sei falsch. Im übrigen hob er den
Grundgedanken seines Vortrages schärfer hervor
: wir haben bisher ausschließlich die Qualität
betont; künftig wird wiederum die Form
zu fordern und zu pflegen sein. Eine Forderung
, die an sich nichts Ueberraschendes
hatte, sondern sicherlich sehr zeitgemäß ist.
Ueberraschend war nur, daß Muthesius sie in
seinem Vortrage nicht zwingender formuliert
hatte. Denn dann hätte sich gewiß darüber
reden lassen.

In öffentlichen Vorträgen sprachen weiterhin
Prof. Franz Cizek (Wien) über „Die Förderung
der jugendlichen Gestaltungskraft" und
Dr. H. Wolff (Halle) über „Die volkswirtschaftlichen
Aufgaben des D. W. B." Cizek
zeigte im farbigen Lichtbilde eine Fülle von
Jugendarbeiten, erstaunlich vielseitig im Material
und reif, fast überreif im Ausdruck, in
der dekorativ stilisierenden Phantasie. Wie
weit die Anleitung des Lehrers dabei die anscheinend
sehr induktive Methode unterstützt,
wurde nicht ganz klar. Dr. Wolff präzisierte
in kurzen Leitsätzen das, was der D. W. B.
bereits praktisch unternimmt.

In diese praktische Arbeit führten die Referate
des dritten Tages hinein, und, um es
gleich zu sagen: es wäre wohl besser gewesen,
diesen Berichten und Vorschlägen den Hauptanteil
der ganzen Tagung zuzuweisen, auch
auf die Gefahr hin, etwas ledern oder wenigstens
nüchtern zu erscheinen. Wirkliche Arbeit
ist diesem Vorwurf stets ausgesetzt, und doch
ist kein Vorwurf ungerechter als dieser.

Architekt H. Wagner forderte öffentliche
Bauberatungsstellen. An 70 Millionen
Mark werden jährlich aus Staats- und anderen
Kassen zur Förderung des Kleinwohnungsbaues
aufgewendet, ohne daß die Bauten praktisch
wie ästhetisch einwandfrei wären. Die
beratende Instanz, die hier nötig sei, dürfe
sich freilich nicht zur ästhetischen Polizei
auswachsen. Der Vorschlag hört sich gut an,
ich fürchte nur, daß die unverbindlichen Ratschläge
dieses offiziösen Bauamts weniger gut
und gern angehört werden dürften, und daß
es für die Beteiligten zumeist ein recht unersprießliches
Amt werden könnte. Ueber eine
solche neutrale Institution für ein engeres
Gebiet berichtete Prof. K. Gross: die sächsische
Landesstelle für Kunstgewerbe,
im Anschluß an die Dresdner Ausstellung 1906
begründet, erteilt Ratschläge in kunstgewerblichen
Fachfragen; eine aktivere Tätigkeit
scheint die Münchner Vermittlungsstelle

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