Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 25. Band.1912
Seite: 20
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AUS JOZEF ISRAELS „SPANISCHER REISE"

lebendig ist es — ich hatte noch nie so etwas
gesehen.

Velasquez ist ein Maler, wie man ihn sich
in der Jugend vorstellt. Eine große Leinwand,
schmale und breite Pinsel, und man malt darauf
mit lustiger Hand einen Reiter zu Pferd, lebensgroß
in einer herrlichen Landschaft mit blauer
Luft und lichten Wolken. Gekleidet in einen
losen Kittel aus braunem Samt, mit schwarzem
Schnurrbart und tiefliegenden Augen steht er
da und pinselt mit kundiger Hand eine große
Leinwand mit lebensgroßen Figuren voll. Er
zeichnet nicht tiefsinnig oder genau, aber groß
und treffend; ersucht nicht, er müht sich nicht
ab, wirft nicht verzweifelt um sich mit Pinseln
und Stühlen, sondern ist ernst und überlegend.
Voll Liebe für dasjenige, was er schafft, setzt
er sich einen Augenblick nieder, um von seiner
rüstigen Arbeit auszuruhen, und studiert aufmerksam
das Modell, welches vor ihm steht
und auch ausruht von der Pose für einen
Trompeter. Dann erhebt er sich wieder, um
einige Stunden ohne Pause stehend zu arbeiten,
bis er durch die Ankunft einiger Höflinge,
vielleicht des Königs selbst, die mit Wohlgefallen
seine farbenreiche und klare Arbeit bewundern
, gestört wird.

Quel peintre et quel talent! Und wir stehen
hier und suchen zu begreifen, was solch ein
Mann in solcher Umgebung gefühlt haben muß,
wir Maler ohne Mut, ohne Modelle, ohne Hof,
König oder Kaiser, um stolz darauf zu sein.
Ein Bildchen von kaum ein paar Metern beängstigt
uns, und der König lacht über das,
was wir ihm auf einer Ausstellung lebender
Meister zeigen, und wir kriechen in unsern
Winkel und sind Maler in Zweifeln und freudloser
Arbeit.

*»« -t»

Wieder der Prado (Velasquez und Rembrandt)
Und ist Velasquez ein noch so tüchtiger
Maler, das ist Rembrandt auch; aber dieser
ist noch viel mehr; hätte Rembrandt nie einen
Pinsel in die Hand genommen, so würde er
durch seine Radierungen allein schon einen
ersten Platz unter den bildenden Künstlern
einnehmen. Die Vortrefflichkeit seines Malertalents
ist nur ein kleiner Teil des großen
Genies, dieses mit so vielen Facetten geschliffenen
Edelsteines; die Wahl der Motive, die
Naivität, die Poesie seines düstern, geheimnisvollen
Effekts, das Tiefsinnige und Virtuose
seiner Behandlung.

Köpfe wie die „Staelmeesters" hat Velasquez
nie malen wollen. Das Haar bebt, die
Augen sehen, die Stirn faltet sich. Ich bin

zum ersten Male in Madrid, und es freut mich,
das für mich so neue Talent Velasquez' bewundern
zu können. Aber sehe ich sein Meisterwerk
„las Lanzas", und denke ich an Rem-
brandts „Nachtwache", dann beschaue ich das
spanische Meisterwerk sicher noch mit großem
Entzücken und wahrer Freude, aber in Gedanken
schrecke ich vor der „Nachtwache"
wie vor einem Wunderwerk zurück. Das ist
ein Pinsel von einer Breite, wie ihn noch nie
jemand geführt hat. Alles, was die Malerei
vermag, ist hier vereinigt, Naturwahrheit und
Phantasie, höchste Meisterschaft in der Ausführung
und über allem ein Zauber von Licht
und Schatten, der ihm allein eigen ist. Es
war ein eigenartiger Geist, dieser Rembrandt,
in dem das dichterisch Geheimnisvolle des
Nordens mit der Wärme und Virtuosität des
Südens vereinigt war.

Ruhig und still dagegen strahlt drüben an
der Wand das Werk von Velasquez. Er arbeitet
, aber kämpft nicht; er fühlt herrlich,
aber streitet nicht; das dumpfe Schweigen in
dem Dunkel Rembrandts und sein Ringen nach
dem Unendlichen und Rätselhaften kennt er
nicht; ruhig und sicher thront er auf dem durch
ihn hier eingenommenen hohen Platz; aber
die Kunst Velasquez' umfaßt nur seinen eigenen
Kreis, die Rembrandts lebt mit jedem
Menschenleben mit und strebt dann noch nach
dem Historischen und Unsichtbaren."

Murillo

O heiliger Murillo, da stand ich nun nach
dieser heißen Nacht am folgenden Morgen im
Museum zu Sevilla und starrte Dein Werk an
und versuchte mir klar zu machen, wie ich
mit Dir und Deinem Schaffen zurechtkommen
konnte. Im Museo del Prado neben dem siegreichen
Velasquez wollte ich Dich nicht flüchtig
ansehen. Aber hier bist Du der Tonangebende.
Die ganze Seitenwand ist mit Deinen seligverklärenden
Gemälden bedeckt; Deine Vaterstadt
hat Dir gebührende Ehren erwiesen, und
doch bei aller Fülle wie leer, leer durch Eintönigkeit
. Du bist mir zu süß, Du kommst mir
vor wie ein Gebäck, in dem zu viel Zucker
ist. Ich möchte sagen, es ist kein rechter Stil
in Deiner Arbeit, es liegt nicht das elegant
Royale eines Velasquez darin, auch nicht das
Rauhe eine Ribera, alles ist bei Dir abgerundet,
angenehm in Farbe und Form.

Wenn Michel Angelo einen Finger auf ein
Stück Papier zeichnet, dann ist es ein Finger,
wie er ihn erfunden hat; durch einen einzigen
Schwung, durch einen einzigen Pinselstrich

O

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