Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 25. Band.1912
Seite: 42
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DIE DREI GABEN DES KUNSTLERS

nik konnte, muß er
auch ein gewisses
Materialgefühl gehabt
haben. Die
Forderung, die wir
stellen, geht also
genauer gesagt dahin
, daß diese drei
Gaben so stark wie
möglich, und zwar
in ungefähr gleicher
Stärke ausgebildet
und dauernd beim
Künstler vorhanden
seien.

Und da machen
wir nun die merkwürdige
Beobachtung
, daß das bei
den meisten Künstlern
durchaus nicht
der Fall ist, ja daß
sogar viele jetzt
odereinstmals hoch
geschätzte Künstler
nur eine oder
zwei dieser Gaben
in bemerkenswerter
Stärke besitzen.
Die Ursache liegt
nichtimmer in einer
gewissen Einseitigkeit
der Begabung,
sondern zuweilen
auch inbestimmten
ästhetischen Irrlehren
, die die Künstler
dazu verführen,
eine oder die andere
dieser Begabungen,

falls sie vorhanden sind, gering zu schätzen
und verkümmern zu lassen. Es kommen Fälle
vor, daß ein Künstler nur eine dieser Begabungen
in einem über das Niveau anderer
Menschen hinausgehenden Grade besitzt. Es
kommen auch Fälle vor, wo zwei Gaben zusammen
vorhanden sind. Ganz selten aber,
und nur bei den wirklich großen Künstlern,
finden sich alle drei in gleicher Stärke vereinigt
. Wenn man die Kunstgeschichte überblickt
und besonders eine größere Zahl neuerer
Künstler mustert, so kann man die Beobachtung
machen, daß der Besitz einer oder zweier dieser
Gaben niemals genügt, um die höchste Stufe zu
erreichen. Diemeisten Mißerfolge,dieimKünst-
lerleben vorkommen, dürften darauf zurück-

F. VON STUCK fec.

zuführen sein, daß
Schüler und Lehrer
diese Lückenhaftigkeit
der Begabung
nicht rechtzeitig erkennen
, um ihr entweder
planmäßig
abzuhelfen, oder die
einzig richtige Konsequenz
zu ziehen,
nämlich daß der Beruf
aufzugeben ist.

In den Zeiten der
Romantik war es
eine gewöhnliche
Erscheinung, daß
man das Lebensgefühl
allein für
genügend hielt.
Viele glaubten, daß
es möglich sei,
mit Frömmigkeit,
Rechtschaffenheit,
Liebe,Freundschaft
usw. gute Bilder zu
malen. Die Nachahmung
der „gemeinen
" Natur, die
Pflege einer so äußerlichen
Sache wie
der Technik war
verpönt. Die Künstler
, die aus dieser
Anschauung hervorgingen
, waren
sehr gebildete und
sympathische Männer
, in ihrer Art
gewiß bedeutende
Menschen,nur eben
keine Künstler. Es waren Raffaels, die leider
ohne Arme geboren waren. Sie „konnten"
nichts und stellten sich keine künstlerischen
Probleme.

Der Grund ist einleuchtend. Die Gefühlsfähigkeit
allein ist überhaupt noch nichts Künstlerisches
, so sehr gewisse ästhetische Theorien
zu dieser Meinung verführen könnten. Sie ist
zahlreichen Menschen eigen, die niemals einen
Pinsel oder ein Modellierholz in der Hand gehabt
, niemals das Bedürfnis der Produktion gefühlt
haben. Dazu gehören z. B. viele Frauen
und Kinder, da das weibliche Geschlecht und
die Jugend in der Regel ganz besonders gefühlsfähig
sind.

Auch die bloße Anschauungskraft macht den

ST

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